5. Geschichte
2022
Atanas mutige Reise
Weihnachten
Ein kleines Mädchen, das Josef in dem Schuppen fand, in dem die Schlitten abgestellt werden, sorgt für Verwirrung. Noch bevor Josef viel über sie erfahren konnte, war sie schon wieder weggerannt, um ihren Seeadler zu suchen, mit dem sie ins Dorf geflogen war, so hatte sie noch gesagt. Wer ist das Mädchen und was macht sie im Dorf?
Atanas mutige Reise
Josef stapfte durch den Wald. Er war auf dem Weg zum Schuppen, in dem die Schlitten übers Jahr untergestellt waren. Ab
und zu schaute er dort nach dem Rechten. Nun waren es nur noch wenige Tage bis zum Weihnachtsfest. Durch den ganzen Regen der letzten Wochen war der Waldboden aufgeweicht, und durch das glitschige Laub lief man wie auf Schmierseife. Plötzlich stolperte Josef über eine Wurzel und konnte sich nur mit Mühe an einem tiefhängenden Ast festhalten. Ein leiser Fluch kam über seine Lippen.
Das trübe Wetter und das Grau in Grau passten zu seiner Stimmung. So richtig zufrieden war er mit seinem Leben nicht.
Wenn er sich im Dorf umschaute, sah er nur glückliche Gesichter. Emilia hatte im Sommer einem kleinen Jungen das Leben
geschenkt. Matteo war der ganze Stolz seiner Eltern und er gedieh prächtig. Auch Odio Nix und seine Martha waren immer noch verliebt wie am ersten Tag. Josef selbst war bei seinen Freunden und den Dorfbewohnern ein gern gesehener Gast, der zu allen Feiern und Festlichkeiten eingeladen wurde. Er war sogar der Patenonkel des kleinen Matteo und liebte den kleinen Jungen sehr. Er gönnte allen ihr Glück von Herzen. Und doch zeigte ihm all das deutlich, was er selbst vermisste. Er fühlte sich trotz seiner Freunde einsam. Die Abende waren für ihn lang. Keine liebe Frau erwartete ihn, keine Gespräche in Zweisamkeit, keine Gefühle, die erwidert wurden. Das alles bedrückte ihn und machte ihn traurig. Naya, die Frau mit den langen braunen Haaren aus Grönland, die er letztes Weihnachten kurz kennen gelernt hatte, konnte er nicht vergessen.
Mittlerweile war er beim Schuppen angekommen. Das Holz der Schuppentür war durch den vielen Regen aufgequollen. Josef wunderte sich, dass die Tür nur angelehnt war. Er war sich sicher, dass er sie bei seiner letzten Kontrolle ordentlich geschlossen hatte. Ein ungutes Gefühl befiel ihn. Er schaute sich um, ob noch irgend etwas anderes in Schuppennähe auffällig war, konnte aber nichts entdecken. Mit einem Kopfschütteln betrat er den Schuppen.
Auf den ersten Blick sah alles so aus wie immer. Die Schlitten, die Kartons mit dem Weihnachtsschmuck, etwas Werkzeug und ein kleiner Vorrat an Heu. Alles befand sich an seinem Platz. Beruhigt wollte er sich schon wieder auf den Weg nach draußen machen, als sein Blick plötzlich doch wie magisch von einer Ecke der Scheune angezogen wurde. Auch dort lag ein Häufchen Heu, was Josef merkwürdig erschien. Bei seinem letzten Besuch war es noch nicht da, dessen war er sich sicher. Er griff vorsichtshalber nach einer Forke neben der Schuppentür, als er plötzlich ein leises
Wimmern vernahm.
Der kleine Heuhaufen bewegte sich. Etwas beklommen ging Josef näher heran. Vorsichtig schob er mit der Forke das Heu etwas auseinander. Plötzlich erblickte er ein kleines Gesicht, das ihn mit großen, blauen Augen ängstlich ansah. Es gehörte einem kleinen Mädchen mit langen, braunen und verzottelten Haaren, das zusammengekauert im Heu lag. Das Gesicht war zerschrammt und blutig. In der verschmutzten Jacke, mit der es sich zugedeckt hatte, hatten sich kleine Zweige verfangen, und die Hose, die sie trug, war an einigen Stellen eingerissen.
Erschrocken blickten sich beide sekundenlang in die Augen. Für einen kleinen Moment kam Josef das Gesicht bekannt vor. An irgend jemanden erinnerte es ihn. Aber er konnte den Gedanken nicht greifen und kam gleich wieder davon ab. Langsam ging er in die Hocke. Die Forke legte er neben sich und sprach leise zu dem kleinen Mädchen: „Du brauchst keine Angst zu haben.“ Die Kleine setzte sich auf und blickte ihn immer noch stumm an. „Du bist wohl nicht von hier?“, fragte er dann vorsichtig. Sie schüttelte den Kopf. „So wie du aussiehst, musst du schwer gestürzt sein. Ich kann dir helfen und dich ins Dorf bringen“, sagte er in ruhigem Ton zu ihr.
Das Mädchen schüttelte abermals den Kopf und wollte mit zittrigen Beinen aufstehen, setzte sich aber gleich wieder hin. Nun schien sie all ihren Mut zusammenzunehmen, denn sie sagte mit fester Stimme: „Ich muss erst Nattoralik finden. Ich bin mit ihm hierher geflogen, um jemanden zu suchen.“
„Nattoralik?“, fragte Josef verwundert. „Ja, das ist mein Seeadler“, antwortete sie. „Meine Mutter und ich haben ihn gefunden, als er noch ganz klein war. Wir haben ihn aufgepäppelt. Er wurde immer größer und größer. Größer als alle Adler der Welt!“
Josef war ziemlich baff, und dachte, dass die Kleine ihm eine Fantasiegeschichte erzähle. Ehe er etwas darauf erwidern konnte, sprach das Mädchen weiter: „Wir waren schon im Landeanflug, als uns plötzlich eine Windhose packte. Wir wurden hoch und runter geschleudert, als wollte der Wind nicht, dass wir landen. Dann bin ich aus meinem Sattel gefallen und Natto wurde weggerissen. Hinauf in die Berge bis hinter den höchsten Gipfel.“
„Sattel?“, staunte Josef. „Wie bei einem Pferd? Du hast den Adler gesattelt und bist auf ihm geflogen?“
Das Mädchen nickte heftig und wurde nun aufgeregter: „Wir müssen ihn unbedingt finden! Vielleicht ist er verletzt! Und dann
muss ich noch jemanden suchen.“ Langsam kullerten kleine Tränen aus ihren Augen.
Wenn das alles stimmt und dieser Nattoralik hinterm höchsten Gipfel verschwunden ist, überlegte Josef, dann muss er in der
Schlucht sein. In der tiefsten und gefährlichsten Schlucht, wo niemand sich hinwagt.
„Pass auf Kleine! Ich trage dich ins Dorf runter zu meinen Freunden. Dort wirst du versorgt und wir überlegen uns, wie wir dir helfen können.“ Abermals schüttelte sie den Kopf und stand nun doch vorsichtig auf. Sie klopfte sich den Schmutz ab und wischte ihre Tränen weg, die sich mit den blutigen Striemen vermischten. Als sie auf das Scheunentor zulaufen wollte, legte Josef ihr die Hand beruhigend auf die Schulter. „Du kannst da nicht alleine hinaus! Es ist zu gefährlich!“
Er drehte sich zu der Stelle um, an der das Mädchen gelegen hatte und hob ihre Jacke und eine Tasche, die ebenfalls dort lag, auf. Als er sich wieder zu ihr herumdrehte, war sie bereits durch das offene Schuppentor nach draußen gerannt. „Es tut mir leid, aber ich muss Natto finden!“, rief die Kleine im Rennen zurück und im Nu war sie im Wald verschwunden. Josef wollte ihr erst hinterherrennen, wusste aber, dass er sie nicht einholen würde, da er ihr nicht schnell genug durch das Dickicht folgen konnte. Daher hastete er stattdessen mit den Sachen, die sie zurückgelassen hatte, ins Dorf hinunter zu Emilia und Heinrich. Dort angekommen erzählte er schnell, was geschehen war. Die Beiden sahen ihn verwundert an.
„Du hast das nicht geträumt?“, fragte Heinrich.
„Nein!“, rief Josef empört. „Woher sollte ich denn dann die Sachen hier haben?“
Emilia, die den kleinen Matteo in den Armen gehalten hatte, legte ihn in seine Wiege und schlüpfte nach nebenan in die anheimelnde Küche, um eine Tasse Tee für Josef zu holen. Die Drei diskutierten ein paar Minuten über Josefs Entdeckung und kamen schnell zu dem Schluss, dass sowohl das kleine Mädchen als auch der Vogel unbedingt schnell gefunden werden mussten.
„Wenn die Nacht hereinbricht, wird es frostig, und die Kleine könnte da draußen erfrieren oder womöglich in die Schlucht fallen“, brachte Emilia es auf den Punkt. Sie beschlossen, Odio Nix und Rofibald-Geruwim hinzuzurufen.
Als Josef wenig später mit seinem kurzen Bericht für die Beiden und Martha, die ebenfalls mitgekommen war, fertig war, raufte Odio Nix sich die Haare und rief: „Wieso muss wieder so kurz vor Weihnachten etwas unvorhergesehenes passieren?“ Er atmete einmal kurz durch. „Aber gut, wir haben bisher noch jedes Problem gelöst, also werden wir wohl auch dieses lösen. Lasst uns das Mädchen und den Vogel finden!“
„Das werden wir!“, rief Odio, was fast wie ein Schlachtruf klang.
Und so machten sich Josef, Heinrich, Odio und Rofibald, bepackt mit ein paar warmen Decken, etwas Proviant und einigen anderen nützlichen Dingen, auf den Weg hinauf zum großen Gipfel an der Schlucht. Unterwegs grübelte Josef, weil ihm wieder eingefallen war, dass das Gesicht des Mädchens ihm irgendwie bekannt vorgekommen war. Und auch, weil er in der Aufregung vergessen hatte, nach ihrem Namen zu fragen und er sich selbst nicht einmal vorgestellt hatte…
Emilia und Martha blieben unterdessen bei den Kindern im Dorf. Dort wollten sie sich später umhören, ob vielleicht irgendwer etwas über dieses kleine Mädchen wusste. Sie wollten nur noch warten, bis der Stollen in Emilias Ofen fertig gebacken war. Nun nahm Martha die kleine braune Tasche, die Josef zusammen mit der Jacke des Mädchens auf den Schaukelstuhl gelegt hatte, an sich, öffnete vorsichtig die hübschen, silbernen Schnallen und
schaute hinein. Sie nahm einen Schal, einen Kanten Brot und ein dünnes Buch heraus und legte alles auf den Tisch. Zuunterst fand sie ein lose zugezogenes Leinensäckchen mit hübscher Stickerei, welches ein Bündel Briefe enthielt. Sie legte es zu den anderen Sachen. Neugierig betrachteten die beiden Frauen alles. Das Buch schien ein Tagebuch zu sein.
„Sollten wir es öffnen, um herausfinden, wem es gehört?”, fragte Martha.
„Ich weiß nicht recht“, antwortete Emilia. „Ein Tagebuch ist doch etwas sehr Persönliches. Ich glaube, es steht uns nicht zu, darin zu lesen. Lass uns schauen, ob die Briefe mit einem Namen versehen sind. Vielleicht hilft uns das ja weiter“, und schon lag die Schnur des Leinensäckchens auf dem Holzboden und die Umschläge purzelten auf den Tisch. Zehn waren es an der Zahl. Jeder einzelne war beschriftet. Martha und Emilia legten alle nebeneinander. Ihre verwunderten Blicke trafen sich, als sie zehnmal diesen einen Namen lasen. „Ja, was hat das nur zu bedeuten?“, murmelte Emilia. Schnell schnappte sie die ungeöffneten Briefe und ließ sie wieder im Leinensäckchen verschwinden. Dann sprang sie auf, hob Matteo aus der Wiege und zog Martha an der Hand aus der Küche.
„Das lässt mir jetzt keine Ruhe. Komm Martha, zieh dich an. Lass uns mal zu Oma Kräuterle rübergehen und sie fragen, ob sie
irgend etwas ungewöhnliches gehört hat. Sie weiß doch immer über alle Neuigkeiten im Dorf Bescheid.“
* * *
Währenddessen kämpfte sich das Mädchen, das Josef im Schuppen aufgefunden hatte, frierend und mit letzter Kraft, aber eisernem Willen durch den Wald in Richtung Schlucht. Wobei die Kleine gar nicht genau wusste, ob sie auf dem richtigen Weg war. Zitternd vor Kälte lehnte sie sich an einen Baum, um einen Moment auszuruhen. Während sie vorsichtig ihre Wunden abtastete, dachte sie an ihre Mutter, die sie, wenn sie sich mal verletzt hatte, immer ganz fürsorglich umsorgte. „Atana, komm!“, würde sie rufen. „Wir reinigen deine Wunden!“ Sie würde liebevoll und vorsichtig Heilsalbe auftun und mit ihr zur Aufmunterung fröhliche Lieder singen. Ihre Mutter, die stets gut gelaunt war und der trotzdem etwas fehlte. Wenn sie sich unbeobachtet fühlte oder meinte ihre Tochter würde schlafen, saß sie so manches Mal am Tisch und schrieb. Zufällig hatte Atana auch mitbekommen, dass ihre Mutter sich öfters mit ihrem Onkel Lars über einen Mann namens Josef unterhielt. Jedes Mal strahlte sie dabei und ihre Augen leuchteten. Deshalb hatte Atana herausfinden wollen, wer dieser Josef war. Sie war fest entschlossen, ihn zu finden, um ihre Mutter glücklich zu machen. Aus diesem Grund hatte sie heimlich die Briefe und das Tagebuch aus dem Nachtschränkchen genommen und eingepackt. Nun lagen ihre Tasche und ihre warme Jacke in dem Schuppen. Oder der Mann, der sie gefunden hatte, hatte die Sachen mitgenommen. Wie
sollte sie dann diesen Josef finden und mit ihrer Mutter zusammenbringen?
Schlagartig wurde sie aus ihren Gedanken gerissen, als ein Schrei ertönte. Sie blickte hastig um sich, bemerkte aber nichts Auffälliges. Stille. Es war nichts mehr zu hören. Sie stand wie erstarrt und horchte auf jedes noch so winzige Geräusch, aber da war nichts. Gerade als sie sich wieder in Bewegung setzen wollte, hörte sie erneut einen Schrei, der klang, wie der ihres Seeadlers.
„Nattoralik!“, rief sie nun mehrfach so laut sie konnte und lief los in die Richtung, aus der sie die Laute vernahm. Sie stolperte über umgeknickte Äste und rutschte immer wieder auf dem nassen Boden aus, was sie aber nicht davon abhalten konnte, weiter zu laufen. Ein paar Mal hörte sie noch Schreie, die aber schließlich verstummten. Immer wieder hielt sie kurz inne, um zu lauschen. Verzweifelt und voller Panik, dass etwas Schlimmes passiert war, kämpfte sie sich weiter durch. Es wurde immer schwieriger und es ging bergauf, aber ihre Angst verlieh ihr ungeahnte Kräfte. Plötzlich stand sie vor einem Abhang und sah in die Tiefe. Schnell hielt sie sich an einem Baumstamm fest, damit sie nicht das Gleichgewicht verlieren und abstürzen konnte. Nun hörte sie in der Ferne wieder etwas. Aber dieses Mal war es kein Schrei eines Seeadlers. Es waren Menschenstimmen. Sie musste unbedingt
weiterlaufen und Natto finden…
* * *
„Wir sollten uns hier aufteilen und getrennt nach dem Adler und dem Mädchen weitersuchen!“, sagte einer der Männer, die auf einer Lichtung standen, in diesem Moment. Es war Rofibald-Geruwim. Neben ihm stand Odio-Nix, der gerade seine Kiepe vom Rücken nahm, auf den Boden stellte und anfing, etwas darin zu suchen.
„Was denkst du, Josef? Weit kann die Kleine doch noch nicht gekommen sein“, wendete sich Heinrich nun an seinen Freund. „Sie ist hier fremd und verletzt ist sie auch, wie du sagtest.“
Josef wollte gerade etwas erwidern, als Odio mit einem zufriedenen Brummton eine Landkarte aus den Tiefen seiner Kiepe hervorzerrte. Er breitete sie über seiner und Rofibalds Kiepe, die bereits auf dem Boden stand, aus, und vier Köpfe beugten sich nun darüber.
„Falls das Mädchen dem großen Hauptpfad gefolgt ist, dann ist es jetzt vermutlich in der Nähe der Korillussteine“, meinte Odio mit nachdenklicher Stimme, während sein Zeigefinger den Pfad auf der Karte nachzeichnete, die Rofibald mit seiner Taschenlampe beleuchtete. „Von da ist es nicht weit zum Eingang der Trafflinschlucht. Sollte der Adler wirklich dort hineingestürzt sein, dann brauchen wir Hilfe. Ich setze jedenfalls keinen Fuß in die Schlucht.“ Die anderen drei ließen grummelnde Zustimmung verlauten.
„Nicht nur, dass wir Kind und Vogel vor Schlimmem bewahren müssen – wir müssen uns auch wirklich sputen. Wir sind mit dem Einsammeln der Geschenkesäcke noch nicht fertig und uns eilt die Zeit davon“, sagte Rofibald-Geruwim kurz darauf. „Ich denke, ich werde den Chef anrufen, ihm die Situation schildern, und ihn fragen, ob er uns irgendwie helfen kann. Josef, kannst du zu Querbur laufen und ihn ebenfalls informieren und um Rat fragen? Vielleicht hat er eine Idee, wie wir an den Adler herankommen, sollte er verletzt in der Schlucht liegen.“
„Ja. Das ist eine gute Idee“, antwortete Josef. „Ich mache mich gleich auf den Weg zu ihm. Wann und wo wollen wir uns wieder treffen, um uns gegenseitig auf den neuesten Stand unserer Aktionen zu bringen?“
„Am Schuppen. In zwei Stunden“, schlug Heinrich vor. „Ich laufe auf direktem Weg bis zur Trafflinschlucht. Vielleicht finde ich die Kleine unterwegs. Wenn ich Glück habe, kommt sie zu mir, wenn sie den Lichtschein meiner Lampe sieht. Zu dumm, dass wir ihren Namen nicht wissen, sonst könnte ich sie rufen.“
„Ich laufe gleich erst einmal zum Schuppen. Es ist ja möglich, dass sie doch dorthin zurückgekehrt ist, weil sie nicht weiter
wusste und draußen ohne ihre Jacke viel zu sehr gefroren hat“, meinte Odio nun. „Sollte ich sie dort finden, dann trage ich sie sofort runter ins Dorf zu Martha und Emilia und bitte die Beiden, dass sie sich um die Kleine kümmern. Was meint ihr?“
Die anderen drei hielten Rofibalds Vorschlag, den Chef anzurufen, für eine gute Idee. Die Männer klopften sich gegenseitig aufmunternd auf den Rücken und umarmten sich. Odio rollte die Landkarte zusammen, stopfte sie zurück in seine Kiepe und hievte sich diese wieder auf den Rücken. Nun eilten Heinrich, Josef und er in verschiedene Richtungen davon und waren schon nach wenigen Augenblicken nicht mehr zu sehen, da die Dunkelheit jetzt bereits alles verschluckte. Rofibald-Geruwim setzte sich auf einen kleinen moosbewachsenen Baumstumpf und holte seine Rufwurzel aus der Manteltasche. Er drückte die Ruftaste, die ihn direkt mit dem Chef verbinden würde, und schon einen Moment später meldete sich am anderen Ende dessen tiefe, kräftige Stimme.
„Was gibt es, Rofibald? Wenn du so kurz vor dem Fest anrufst, dann läuft doch irgendwas nicht nach Plan, nehme ich an. Also, erzähl schon! Du weißt, meine Zeit ist momentan mehr als knapp bemessen!“
Rofibald berichtete in wenigen Sätzen von dem Mädchen, das nach eigener Erzählung auf einem riesigen Adler hergeflogen war, um irgend jemanden zu finden und das Josef dann verletzt im Schuppen gefunden hatte.
„Das darf doch nicht wahr sein! Weißt du den Namen?“, fragte der Chef, der plötzlich sehr konzentriert und angespannt klang
„Nein, Josef hat die Kleine leider nicht nach ihrem Namen gefragt. Sie ist ihm entwischt, um ihren Adler allein und auf eigene Faust zu suchen. Sie hat Josef aber erzählt, dass der Adler Nattolik oder Nattorak, oder so ähnlich heißt.“
„Nattoralik? Heiliger Strohsack! Das muss Atana sein! Was für ein Schlamassel! Sie ist Nayas Tochter. Du erinnerst dich an Naya?Sie ist die Schwester von Lars und hat sich letztes Jahr, als ihr hier oben in Grönland wart, mit Josef angefreundet. Meines Wissens ist daraus mehr geworden, wenngleich die Beiden sich seitdem nicht
mehr persönlich getroffen haben.“
Rofibald war völlig überrascht und für einen Moment sprachlos. In seinem Kopf fielen ein paar Puzzleteile an die richtigen Stellen,
und er begann, zu verstehen.
„…Meinst du, die Kleine – Atana sagst du? Meinst du sie ist auf der Suche nach Josef?“, fragte er den Chef, der daraufhin prompt mit „Natürlich, sie will ihrer Mutter eine Freude machen!“antwortete. „Aber damit habe ich nicht gerechnet. Ich wollte die Beiden selbst überraschen und habe schon Pläne gemacht, unter welchem Vorwand ich Naya zum Fest mit zu euch locken kann. Lars hat mir bei der Arbeit wieder und wieder von den Gefühlen seiner Schwester für Josef erzählt. Es sollte mein persönliches Weihnachtsgeschenk für die Beiden werden. Manchmal muss man dem Glück ein wenig auf die Sprünge helfen. Nun müssen wir aber erst einmal Atana und Nattoralik finden und wieder in Sicherheit bringen.“
Der Chef überlegte kurz, während das Puzzlebild in Rofibalds Kopf weiter Gestalt annahm. „Wenn ich euch Utila, Tytola, Aurelia und Tamina schicke, dann könnten sie die Suche in der Schlucht übernehmen, ohne dass ihr euch in Gefahr bringen müsst. Aus der Luft ist es ja kein Problem. Hauptsache, niemand muss sie betreten. Was denkst du?“
„Das wäre wunderbar, Chef! Ich habe mir schon den Kopf zerbrochen, wie wir an den Adler herankommen sollen, falls er sich in der Schlucht befindet.“
„Gut!“, antwortete der Chef entschlossen. Dann trommele ich die vier augenblicklich zusammen und schicke sie zu euch. Sie kennen die Trafflinschlucht und wissen, dass sie vorsichtig sein müssen. Utila wird mit dir Kontakt aufnehmen. Du bist doch der Koordinator eurer Suchaktion, oder?“
„Nein, so würde ich das nicht direkt nennen“, sagte Rofibald etwas verlegen. „Aber den direkten Draht zu dir, den habe nun mal nur ich. Und bisher haben wir schon so viele Probleme gelöst, dass ich sofort daran gedacht habe dich um Rat zu fragen. Von diesen Zusammenhängen habe ich ja nichts geahnt.“
„Dann gehen wir es an! Die Zeit scheint uns wieder einmal davonlaufen zu wollen. Es ist wie verhext! Jedes Jahr tauchen kurz vor dem Fest in unserer Hochsaison noch Probleme irgendeiner Art auf. Bisher haben wir zum Glück noch jedes lösen können. Lass uns fest daran glauben, dass auch diesmal alles gut geht!“
„Ich danke dir, Chef“, sagte Rofibald-Geruwim nun erleichtert. Alles würde gut werden. Ganz bestimmt. Die Beiden verabschiedeten sich voneinander und Rofibald beendete das Gespräch mit einem zuversichtlichen Lächeln im Gesicht. Er raffte sich auf, schulterte seine Kiepe und lief in Richtung Schuppen, den Kopf dabei immer wieder suchend nach links und rechts wendend, davon.
* * *
Wenig später klopfte Josef an die Behausung des Trollmagiers. „Nanu, was führt dich zu mir?“, fragte dieser ihn, nachdem er die winzige Tür einen Spaltbreit geöffnet, den Kopf hinaus geschoben und Josef erblickt hatte.
„Wir brauchen deine Hilfe, Querbur“, antwortete Josef. Der Magier bat ihn daraufhin herein, und die magische Tür vergrößerte sich so weit, dass Josef Querburs Heim betreten konnte. Im Schein des Feuers, das im Ofen vor sich hin flackerte, erzählte Josef von den Ereignissen der letzten Stunden. „Wir dürfen keine Zeit verlieren!“, sagte Querbur, nachdem Josef geendet hatte. „Wir müssen das Mädchen und den Adler finden, bevor es komplett dunkel ist. Eine Nacht allein im Wald bei den Temperaturen würde beiden nicht bekommen. Lass uns gehen!“
Querbur griff nach ein paar unbedeutend aussehenden Utensilien in einem Regal, das sich hinter einem Vorhang verbarg, und warf sich seinen Umhang über. Gemeinsam mit Josef verließ er seine Eiche durch die magische Tür, die sich hinter ihnen wie von Zauberhand wieder so verkleinerte, dass sie fast nicht mehr zu sehen war. Der Magier bog nach rechts ab und lief trotz seiner geringen Größe mit flinken Schritten vor Josef her. Schon nach wenigen hundert Metern endete der Weg scheinbar, aber Querbur kannte sich bestens aus und wusste, dass er nur ein paar Zweige der Eiben, die dort überall wuchsen, zur Seite schieben musste, um auf den Weg in Richtung Trafflinschlucht zu kommen.
Nur wenige Meter weiter hatte er schon vor Jahren aus ein paar Brettern einen versteckten Unterschlupf für die wilden Tiere gezimmert, damit sie etwas Schutz finden konnten, wenn im Winter wieder einmal das Wetter und der Schneesturm besonders heftig waren. Wie gewohnt warf Querbur im Vorbeigehen einen Blick unter die ziemlich schief zusammengenagelten Bretter und blieb ruckartig stehen. „Was ist los?“, fragte Josef erstaunt.
„Na, wen haben wir denn da?“, murmelte Querbur nur und schlich leise durchs Unterholz zu dem kleinen Mädchen, welches er aus dem Augenwinkel zusammengekauert im Stroh hockend entdeckt hatte. Heftig zitternd sah Atana den Magier mit großen Augen an und presste sich noch enger in die Ecke des Unterschlupfs. Als Josef sie ebenfalls entdeckte, war er schlagartig sehr erleichtert. Sie schien in den vergangenen Stunden keine weiteren Verletzungen erlitten zu haben. Allerdings musste sie nun schnellstens ins Warme gebracht werden, damit sie nicht ernsthaft krank wurde.
„Da bist du ja!“, sagte er leise und liebevoll, als er sich vor Querbur in ihr Sichtfeld geschoben hatte. „Ich hätte dir doch geholfen, deinen Adler zu finden. Du hättest nicht weglaufen müssen. Nun habe ich nicht einmal deine Jacke bei mir. Die habe ich mit deiner Tasche bei unseren Freunden im Dorf vergessen. Aber die holen wir dann. Jetzt musst du dringend erst einmal ins Warme und brauchst einen von Querburs Wundertees, damit du schnell wieder fit bist. Unsere Freunde suchen schon nach deinem Vogel. Mach dir keine Sorgen.“
Querbur hatte sich neben Josef gestellt und beobachtete die Beiden sehr aufmerksam
„Du hast meine Tasche mitgenommen?“, fragte Atana nun mit besorgtem Ton. „Das darfst du nicht! Hast du sie etwa aufgemacht
und etwas rausgenommen?“, fragte sie in forschem Ton, wobei sie mit den Zähnen klapperte.
„Aber nein! Wo denkst du hin!“, antwortete Josef. „Ich respektiere das Eigentum anderer. Ich wollte sie nur nicht im Schuppen liegenlassen. Komm her, wir bringen dich zu meinem Freund Querbur in seinen Baum. Dort ist es wunderbar warm. Alles wird wieder gut. Wir finden sicher auch deinen Adler.“
Atana kroch unter dem Verschlag hervor und Josef hob sie in seine starken Arme. Querbur zauberte mit einer leise gesprochenen Formel und einem leichten Schwung seines Zauberstabs aus dem Nichts eine Wolldecke hervor, die sich von selbst über Atana herabsenkte. Die Männer beeilten sich, schnellstens zurück zu Querburs warmem Heim zu kommen.
Während Josef nun auf Atana, die ihre Arme um seinen Hals gelegt hatte, herabsah, fiel ihm wieder ein, was ihn vor Stunden schon einmal beschäftigt hatte. Es war die Frage, warum ihm Atanas Gesicht irgendwie bekannt vorkam. „Hör mal, Kleine! Ich muss mich bei dir entschuldigen. Wir haben uns noch nicht einmal miteinander bekanntgemacht. Das gehört sich gar nicht und ist eigentlich nicht meine Art. Aber bei der ganzen Aufregung im Schuppen hatte ich anfangs ganz vergessen, mich vorzustellen, und noch bevor es mir einfiel, warst du schon davongelaufen. Mein Name ist Josef. Sagst du mir auch, wie du heißt?“
Trotz der Dunkelheit sah Josef, wie die Kleine in seinen Armen plötzlich erstaunt die Augen aufriss.
„Josef?“, fragte sie mit erstauntem Ton in ihrer Stimme. „Du bist Josef?“
„Ja, das ist mein Name“, antwortete Josef verwundert. „Was ist so seltsam daran?“
„Ich suche nach dir! Darum bin ich hergekommen!“, sagte Atana. „Für meine Mutter. Ich will ihr eine Freude machen. Sie redet schon so lange mit meinem Onkel Lars über dich und ist dabei immer ein bisschen traurig. Ich glaube, sie vermisst dich.“
„Lars ist dein Onkel?“, fragte Josef nun etwas verwundert. „Lars lebt in Grönland. Bist du etwa mit deinem Adler den ganzen weiten Weg hierher geflogen?“ In Josefs Kopf überschlugen sich nun die Gedanken. Was hatte das zu bedeuten? Wer war die Mutter der Kleinen, die ihn angeblich vermisste? War das Mädchen etwa das Kind von Naya? Der Naya, die auch er vermisste, seit er sie letztes Weihnachten kennengelernt hatte? Das war fast zu unglaublich, um möglich zu sein.
„Ja, wir kommen von Grönland. Ich heiße Atana“, sagte das Mädchen in diesem Moment in seine Gedanken hinein. „Natto ist ein ganz starker Adler. Der Stärkste. Ich wusste, dass wir zwei das schaffen können. Aber nun ist er vielleicht schwer verletzt oder sogar tot.“ Plötzlich fing Atana an, bitterlich zu weinen.
„Schhh…“, sagte Josef, und drückte die Kleine etwas enger an sich. „Nicht weinen. Meine Freunde tun schon alles, um deinen
Natto zu finden. Sie geben nicht auf. Das kann ich dir versprechen. Wir wollen nicht gleich das Schlimmste denken.“
Nun schaltete sich Querbur, der die ganze Zeit unmittelbar hinter den Beiden gelaufen war und ihnen zugehört hatte, in das Gespräch ein.
„Wenn du erst in meiner Eiche in Sicherheit bist, mache ich mich sofort auf den Weg, um den anderen bei ihrer Suche zu helfen. Ich habe da meine eigenen Mittelchen. Wäre doch gelacht, wenn die nicht hilfreich sein sollten. Ich finde selbst einen Floh in einem Ameisenhaufen, wenn ich es will!“, sagte der Trollmagier lachend, um das Mädchen etwas zu beruhigen und aufzumuntern.
Kurz darauf waren sie an Querburs mächtiger Eiche angekommen. Wieder wuchs die magische Tür von selbst zu der Größe an, dass Josef samt Atana in seinen Armen hindurchtreten konnte, als sie sich auf Querburs Kommando öffnete.
Drinnen wurde Atana sofort in einen fellbezogenen Wurzelholzsessel in der Nähe des noch immer lodernden Kaminfeuers verfrachtet und bekam eine duftende, wohlschmeckende Kräutersuppe und eine Tasse Wundertee zur Stärkung. Ihre Tränen waren mittlerweile versiegt, denn sie hatte Vertrauen zu den beiden Männern gefasst. Schließlich war der eine der Beiden derjenige, den ihre Mutter sehr gern hatte. Langsam wurde ihr wieder warm und sie schöpfte neue Hoffnung.
Etwas abseits berieten sich Josef und Querbur nun kurz. „Bleib du hier bei der Kleinen und pass auf, dass sie nicht noch einmal versucht, ihren Adler auf eigene Faust zu suchen“, flüsterte Querbur. „Ihr habt euch sicher auch einiges zu erzählen. Das kommt jetzt gerade recht. Ich mache mich sofort auf den Weg zurück Richtung Trafflinschlucht und nehme unterwegs Kontakt zu Utila auf. Das Problem ist so gut wie gelöst.“
„Ich danke dir, mein Freund“, sagte Josef erleichtert. „Du hast Recht. Ich muss jetzt erst einmal in Ruhe mit der Kleinen reden. Ihre Mutter macht sich bestimmt unendliche Sorgen um sie.“
Querbur raffte daraufhin seine Sachen abermals zusammen, verabschiedete sich mit beruhigenden Worten von Atana und versprach, schon bald mit guten Nachrichten zurückzukehren. Binnen einer Sekunde war er dann verschwunden, ohne die Tür geöffnet zu haben.
Kurz vor dem Zugang zur Trafflinschlucht traf Querbur nun auf Heinrich, der aus der anderen Richtung auf ihn zukam.
„Du kommst wie gerufen!“, rief der ihm entgegen.
„Weißt du schon von dem Mädchen und dem Vogel, nach denen wir suchen?“, fragte er den Magier.
„Ja, ich weiß Bescheid“, antwortete Querbur. „Und ich kann dich beruhigen, was das Mädchen angeht. Josef und ich haben sie hier ganz in der Nähe gefunden. Das ist noch gar nicht lange her. Sie ist jetzt zusammen mit Josef erst einmal bei mir zuhause in Sicherheit. Es war allerhöchste Zeit, dass sie ins Warme kam. Zitterte schon wie Espenlaub und hatte blaue Lippen. Ich habe ihr eine Tasse von meinem Wundertee gegeben. Sie ist schnell wieder fit. Habt ihr schon eine Spur von dem Adler?“
„Ich habe den Adler entdeckt! Er ist kurz hinter dem Zugang zur Schlucht notgelandet. Wobei man das wohl kaum Notlandung nennen kann. Er scheint eher trudelnd zwischen die Kiefern geraten zu sein und hängt nun mit seinem Sattel da so unglücklich fest, dass er sich nicht allein aus der Lage befreien kann. Er wurde ziemlich unruhig, als er mich sah. Ich bin deswegen wieder zurückgegangen und wollte Hilfe holen.“
Gerade, als die Beiden sich nun gemeinsam zu dem Adler aufmachten, vernahmen sie ein ihnen bekanntes Geräusch über den Baumwipfeln, das schnell lauter wurde und näher kam. Sie schauten nach oben und erblickten am mittlerweile fast schon schwarzen Himmel vier Eulen, die, elegant einen Halbkreis fliegend, zur Landung neben ihnen ansetzten. Utila, Tytola, Aurelia und Tamina hatten die Männer schon von weitem erspäht,denn ihren Augen entging selbst in der Dunkelheit nichts.
„Was macht ihr hier?“, fragte Heinrich verblüfft, als die Vier elandet waren. „Der Chef hat uns geschickt, nachdem Rofibald
ihn angerufen und ihm erzählt hat, was bei euch los ist!“,antwortete Utila. „Wir sollen bei der Suche nach Nattoralik helfen.“
„Nattoralik?“, fragte Heinrich. „Ihr kennt den Adler?“
„Natürlich kennen wir Nattoralik“, entgegnete Utila. „Den verrückten Vogel kennt bei uns jeder!“
„Na, was für ein Glück“, entfuhr es Heinrich. „Dann wird er hoffentlich ruhiger, wenn er euch sieht. Ich habe ihn nämlich schon entdeckt!“ Mit wenigen Worten erzählte er den Eulen vom Adler und seiner misslichen Lage und sie machten sich auf den Weg, um den großen Vogel zu befreien.
Utila und die anderen Eulen hatten Nattoralik, der noch immer ziemlich zerknirscht über seine Bruchlandung im Baum festhing, schon kurz darauf erspäht. Er war froh, die Eulen zu sehen und beruhigte sich schnell, als sie sich in seiner Nähe niederließen.
Querbur staunte, als auch er und Heinrich nahe bei dem Vogel angekommen waren. Die Kiefer, in der der Adler festhing, stand nicht weit weg, aber der Abhang war so unglaublich steil und tief, dass niemand zu Fuß herankam. Jeder Versuch würde unweigerlich in einem Unglück enden.
Querbur rief Utila zu sich und beriet sich etwas abseits mit ihr. Kurz darauf kehrte Utila zu den anderen Eulen zurück und die Vier begannen, in einem engen Kreis um die Spitze der Kiefer zu fliegen. Querbur hatte unterdessen etwas in seinem Zauberbuch nachgeschlagen, das er jetzt zurück in seine Tasche steckte. Nun hob er seinen Zauberstab und sagte mit Blick auf Nattoralik:
„Brekum kabastum! Trekora sobilu obulum!“ Mit einem Rauschen kam Wind auf. Die Kiefer und alle Bäume in ihrer Umgebung begannen, sich zu wiegen und wurden heftig geschüttelt. Nun bogen die Eulen die Äste, in denen sich der Adler verfangen hatte, so gut sie konnten, auseinander. Dabei riefen sie sich untereinander kurze Kommandos zu. Heinrich stand etwas abseits und beobachtete staunend das Geschehen. Nach weniger als einer Minute konnte der Adler sich befreien, stieg sofort in die Luft auf und landete unweit von Heinrich auf einem hohen Felsen. Der Sattel rutschte ihm vom Rücken und wollte gerade in die Schlucht fallen, doch Nattoralik konnte blitzschnell reagieren und mit seinem riesigen Fang danach greifen.
So plötzlich, wie der Wind aufgekommen war, legte er sich nun wieder. Die Eulen hatten die Äste bereits wieder losgelassen und ließen sich bei Nattoralik auf dem Felsen nieder. Utila konnte dem Adler berichten, dass Atana bei ihrem Sturz keine großen Verletzungen erlitten hatte und bereits in Sicherheit war. Daraufhin ließ der riesige Adler einen Freudenschrei vernehmen. Querbur nickte zufrieden, hängte sich seine Tasche wieder um und
sagte zu Heinrich: „Geh du nun zu deinen Freunden. Ich überbringe dem Mädchen und Josef die freudige Botschaft. Sobald die Kleine wieder bei Kräften ist, schicke ich sie mit Josef runter ins Dorf.“
Die Vögel schwangen sich vereint in die Luft und flogen davon. Kurz darauf trennten sich Querbur und Heinrich und liefen in entgegengesetzte Richtungen auseinander.
* * *
Rofibald-Geruwim und Odio Nix, die bisher ohne Erfolg nach dem verschwundenen Mädchen gesucht hatten, waren bereits wieder beim Schuppen angekommen. Sie hatten ein Lagerfeuer angezündet, um sich etwas wärmen zu können. Als sie das Geräusch von Flügelschlägen vernahmen, blickten sie hinauf in den fast nachtschwarzen Himmel und sahen die vier Eulen, gefolgt von einem scheinbar riesigen Schatten. Sie staunten, wie elegant Utila, Tytola, Aurelia, Tamina und Nattoralik auf der Wiese landeten und was für eine beeindruckende Größe der Adler hatte.
„Ihr habt ihn gefunden!“, rief Odio Nix erfreut aus. Die beiden kleinen Männer liefen auf die Vögel zu und mussten schließlich die Köpfe heben, um dem riesigen Tier in die Adleraugen schauen zu können.
Nun war es ein freudiges Hallo zwischen den Eulen und den Gnomen. „Wenn der Chef sich um ein Problem kümmert, dann wird es immer schnell gelöst“, sagte Rofibald-Geruwim und war sehr froh.
„Ja, als wir seinen Auftrag erhielten, haben wir uns sofort zur Trafflinschlucht aufgemacht“, erwiderte Tytola. „Heinrich und Querbur hatten Nattoralik schon entdeckt und waren ganz in seiner Nähe. Nur mit Querburs Hilfe konnten wir Nattoralik aus seiner Lage befreien. Ohne ihn wäre es uns nicht gelungen.“
Odio Nix war inzwischen auf einen Baumstumpf geklettert, um mit dem Adler auf Augenhöhe zu kommen. „Willkommen bei uns. Schön, dass es dir gut geht!“, sagte er nun zu dem Tier, das etwas zerzaust aussah und erschöpft wirkte. Der Adler verbeugte sich vor Odio und legte dabei den Sattel, den er noch immer im Schnabel hatte, auf dem Boden ab. Odio sah von seinem Baumstumpf darauf hinab und sofort war die erste Freude über den fast unversehrten Adler wieder verflogen und machte der Sorge um das kleine Mädchen Platz. Rofibald-Geruwim hatte ihm, während sie gemeinsam am Schuppen auf die anderen gewartet hatten, bereits erzählt, wer sie war und warum sie diese gefährliche Reise mit dem riesigen Adler auf sich genommen hatte. Gerade, als er in die Runde fragen wollte, ob die Tiere etwas Neues über Atana wüssten, tauchte Heinrich auf der Lichtung auf. Er hatte sich beeilt, um noch pünktlich zum verabredeten Zeitpunkt am Schuppen einzutreffen und war nun etwas außer Atem.
Unterdessen machte sich der Trollmagier Querbur eilig zurück auf den Weg zu seiner Behausung. Er wollte so schnell wie möglich Atana, die in so großer Sorge um ihren Nattoralik war, die gute Nachricht seiner Rettung überbringen. Wieder in seiner Eiche angekommen berichtete er in groben Zügen von der Hilfsaktion, und es beruhigte Atana, dass das Tier den Absturz ohne größere Verletzungen überstanden hatte. Ihre Augen glänzten vor Freude feucht und ihr kleines Gesichtchen strahlte vor Glück. Und dieses Strahlen konnte Querbur auch bei Josef feststellen, denn in der Zeit, die der alleine mit Atana verbracht hatte, hatte diese ihm ihr Herz ausgeschüttet. Sie hatte mit rührenden Worten berichtet, was sie dazu bewogen hatte den weiten Weg aus Grönland auf sich zu nehmen. Für ihre Mutter, die sie über alles liebte, wollte sie diesen Josef suchen. Nattoralik war dabei ihr Verbündeter und treuer Begleiter. Die kleine Atana hatte jetzt schon einen festen Platz in Josefs Herz eingenommen und er bewunderte ihren Mut. Atana hatte sich mittlerweile gestärkt und aufgewärmt und so beschlossen sie, den Weg ins Dorf anzutreten. So schnell wie möglich musste nun auch Naya verständigt werden, die sicher in größter Sorge um den Verbleib ihrer Tochter war.
Im Wald berichtete Heinrich zur gleichen Zeit Odio und Rofibald, dass Querbur und Josef das Mädchen gefunden hatten und es bis auf kleinere Blessuren unverletzt war. Die beiden Gnome waren erleichtert und freuten sich sehr. Sofort griff Rofibald nach seiner Rufwurzel und rief den Chef an, um ihn über das Wohlbefinden von Atana und Nattoralik zu informieren. Naya, die Mutter der kleinen Atana, musste schnellstmöglich erfahren, dass es ihrer Tochter gut ging. Bestimmt war sie krank vor Sorge. Deshalb nahm er, als er das Gespräch beendet hatte, Papier und Stift zur Hand und schrieb im Lichtschein des Feuers eilig ein paar Zeilen. Als er fertig war, rollte er das Papier zusammen und band eine Schnur darum. Mit Utilas und Heinrichs Hilfe band er die Schriftrolle dann um den Hals des Adlers, der schon unruhig von einer Kralle auf die andere trat. Nattoralik fühlte sich jetzt wieder fit und wollte so schnell wie möglich in seine Heimat nach Grönland zurück fliegen. Der riesige Vogel verabschiedete sich majestätisch von den Eulen und den Männern und schwang sich kraftvoll in die Lüfte. Nach wenigen Augenblicken war er verschwunden. Daraufhin verabschiedeten sich auch Rofibald, Odio und Heinrich von den Eulen, die die Nacht im Wald verbringen würden, und machten sich auf den Rückweg ins Dorf. Sie hofften nach all der Anstrengung auf einen heißen Tee und ein nahrhaftes, warmes Abendmahl bei Martha und Emilia, die sicher noch immer beisammen waren und schon auf sie warten würden.
Als die drei Freunde schließlich an Heinrichs und Emilias Haus ankamen, empfing sie, sobald Heinrich die Haustür geöffnet hatte, der Duft von warmer Kartoffel-Kräutersuppe und frisch gebackenem Brot. Unweigerlich lief ihnen das Wasser im Mund zusammen und sie spürten ihren Hunger noch deutlicher. Emilia und Martha kamen ihnen sofort entgegengeeilt und sahen erwartungsvoll und ängstlich in ihre Gesichter. Wo war das kleine Mädchen, das sie gesucht hatten? Es war nicht bei ihnen. Doch ehe sie traurig werden konnten, sprach Heinrichs glücklich strahlendes Gesicht Bände. Sofort wurden die Männer mit Fragen bestürmt, denn die Unwissenheit hatte die beiden Frauen zutiefst beunruhigt, denn auch ihr Besuch bei Oma Kräuterle war erfolglos geblieben. Schnell berichtete Heinrich in groben Zügen von der Rettung der kleinen Atana, und die beiden Frauen wurden von unbändiger Freude und Erleichterung ergriffen.
Die Männer legten ihre Sachen ab und gemeinsam nahmen alle in der wohlig warmen Stube am gedeckten Tisch Platz. Nun konnten sie es sich genüsslich schmecken lassen. Bei heißem Tee unterhielten sie sich nach dem Essen noch ein Weilchen, als es plötzlich an der Haustür klopfte, diese aufflog und kurz darauf Josef mit Atana in seinen Armen die Stube betrat.
Alle im Raum schauten gebannt zu den Beiden. Josef setzte Atana vorsichtig ab. Nach einem kurzen Moment des Schweigens prasselte freudiges Geplapper los und jeder war sofort emsig dabei, etwas für das Wohlbefinden der Angekommenen zu tun. Es wurden zwei Tassen mit frisch gebrühtem Tee und Teller mit warmen Essen gefüllt. Martha holte eine schon neben dem Ofen liegende warme Decke herbei, die sie Atana im Austausch gegen
die inzwischen ausgekühlte umhängte. Emilia forderte das Mädchen und Josef mit einer freundlichen Geste zum Hinsetzen auf.
* * *
Querbur war nach einem kurzen Nickerchen, das er sich nach der ganzen Aufregung gegönnt hatte, wieder frisch wie ein Fisch im Wasser. Er wusste, dass durch die ganze Suchaktion der Zeitplan seiner Freunde zum Einsammeln der Geschenke arg in Verzug geraten war. Doch wozu waren Freunde da? Er war gerne bereit ihnen zu helfen. Eifrig blätterte er im Großen Buch der Magie. Endlich fand er die gesuchte Seite und las sie aufmerksam durch. Dann holte er aus dem Bord seinen Zauberstab, warf sich seinen Umhang über und trat vor seine Tür. Nun schwang er den Stab durch die Luft und murmelte dabei leise etwas in seinen Bart. In der sternenklaren Winternacht, in der sich das Mondlicht in den Pfützen spiegelte, schien es plötzlich, als ob einige Sterne auf ihn zu sausten, doch beim Näherkommen erwiesen sie sich als kleine Feen. Wieder murmelte er etwas in seinen Bart und schwang seinen Zauberstab. Alles schien perfekt zu funktionieren, denn die Feen schwebten der Reihe nach nickend mit den Worten „In Feeneile erledigt!“ an ihm vorbei, und verschwanden dann in unterschiedlichen Richtungen wieder in der Dunkelheit. Die Feen würden nun die verbliebenen Geschenke einsammeln. Die Überraschung würde perfekt gelingen. Querbur lachte sich ins Fäustchen, wenn er an die überraschten Gesichter seiner Freunde dachte.
* * *
Nach wenigen Stunden landete Nattoralik mitten in der Nacht in Grönland direkt vor Nayas Haus. Der Adler machte sich mit mehreren ausdrucksstarken Schreien bemerkbar, aber Nayas Haustür blieb verschlossen. Schließlich stieß er leicht mit seinem Schnabel gegen die Holztür. Daraufhin vernahm er Schritte und die Tür wurde aufgerissen.
„Natto, was ist los? Was machst du hier?“, fragte die verweint aussehende Naya ihren Freund. Nattoralik beugte seinen mächtigen Körper, woraufhin Naya ihm über Kopf und Hals streichelte. Dabei ertastete sie die Schnur, an der die Schriftrolle hing. Verwundert nahm sie sie dem Vogel ab. Als sie das Papier auseinanderrollte und im Lichtschein ihrer Haustür zu lesen begann, änderten sich ihre Gesichtszüge.
Liebe Naya!
Mach dir keine Sorgen mehr, Atana ist gesund und in guten Händen. Sie hatte sich aus Liebe zu dir auf eine große Reise begeben. Nun musst du dich ebenfalls auf den Weg machen, um sie wieder nach Hause zu holen. Packe ein paar Sachen zusammen und sei morgen in aller Frühe für deine Reise bereit. Bald wirst du dein geliebtes Kind wieder in den Armen halten.
Naya war nun grenzenlos erleichtert aber auch überrascht und verwundert. Was war nur geschehen? Wer würde sie abholen und wohin würde die Reise gehen? Grübelnd versorgte sie Nattoralik neben dem Haus, um ihn zu stärken. Sie konnte ihm seine Erschöpfung ansehen und ein wenig zerzaust sah er auch aus, aber einen Reim konnte sie sich dennoch nicht darauf machen. Als der Seeadler gesättigt war, flog er zu seinem Ruheplatz an der Küste. Naya packte eine kleine Reisetasche zusammen und legte sich wieder in ihr Bett, aber auch den Rest der Nacht fand sie kaum Schlaf, denn ihre Gedanken waren fortwährend bei ihrer Tochter.
In aller Frühe war sie trotzdem schnell fertig und reisebereit. Nattoralik wartete bereits draußen vor ihrer Tür, als sie aus dem
Haus trat. Die Reisetasche in der Hand gesellte sie sich nun neben den großen Vogel.
„Und jetzt?“, fragte sie. „Du kannst mich unmöglich fliegen. Ich bin viel zu schwer für dich.“ Natto hob plötzlich seinen Kopf, stieß ein leises, heiseres Krächzen aus und blickte an ihr vorbei. Naya drehte sich um und sah ihren Bruder Lars auf sie zu rennen.
„Naya, warte!“, rief er und war völlig außer Atem. „Wolltest du eben mit Natto los fliegen?“
„Nein, natürlich nicht“, antwortete sie ihm. „Ich bin doch viel zu schwer.“
„Gut!“, pustete er. „Denn ich habe auch eine Nachricht bekommen. Mehr kann ich dir nicht sagen, aber du bekommst einen besonderen Schlitten, der dich fliegen wird. Natto wird hinter dir herfliegen.“
Kaum hatte Lars zu Ende gesprochen, als Grinsebacke mit einem kleinen Schlitten herabgeflogen kam. Naya kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was war bloß geschehen? Sie fühlte sich wie in einem sonderbaren Traum gefangen, aus dem es kein Entrinnen gab. Aber sie würde alles tun, um zu ihrer Tochter zu gelangen. Selbst Lars blieb geheimnisvoll und so blieb ihr nichts anderes übrig, als dem Ganzen zu vertrauen. Sie setzte sich in den Schlitten, wo sie von ihrem Bruder warm eingepackt wurde und es dauerte nicht lange, da flog sie hoch hinauf. Grinsebacke schwebte mit Anmut durch die Lüfte, während Nattoralik majestätisch hinter ihnen herflog. Für Naya war es eine Reise ins Ungewisse.
* * *
Atana hatte die Nacht im Haus von Heinrich und Emilia verbracht. Am Vorabend waren alle noch lange zusammen geblieben. Atana erzählte zusammen mit Josef die Geschichte ihrer Herkunft und den Grund für ihre mutige Reise. Schließlich fielen ihr die Augen zu. Nach einer schnellen Katzenwäsche fiel sie erschöpft in das wohlig weiche Bett, das schon für sie hergerichtet war. Emilia legte eine dicke Federdecke über sie, streichelte ihr Gesicht und flüsterte ihr zu: “Schlaf schön, alles wird gut!“, doch wie sie feststellte, war Atana schon eingeschlafen. Als sie zurück in die Wohnstube kam, waren auch die anderen Freunde beim Aufbruch. Der Tag hatte bei allen seine Spuren hinterlassen und jeder sehnte sich nach seinem Bett. Die Männer planten, sich in aller Herrgottsfrühe am nächsten Tag auf den Weg in den Wald zu machen, denn die letzten Geschenke mussten noch eingesammelt und auf dem Schlitten gut verstaut werden. Nach getaner Arbeit wollten sich dann alle zu einem gemütlichen, gemeinsamen Weihnachtsfrühstück wieder bei Emilia und Heinrich treffen.
Doch wie staunten die Männer, als sie halb in der Nacht am Schuppen ankamen, das Tor öffneten und den fertig gepackten Schlitten sahen. Sie wollten ihren Augen nicht trauen.
„Wie kann das sein?“, rief Heinrich verwundert. „Die ganze Arbeit ist schon erledigt!“ Da raschelte etwas und Querbur trat hinter einem Baum hervor.
„Willkommen, liebe Freunde!“, sagte er in die Runde. „Ich wäre nicht Querbur, der Magier, wenn ich nicht ab und zu meine magischen Kräfte einsetzen würde. Auch ich sehe und höre, wie viel ihr für diese Gemeinschaft tut. Immer seid ihr bereit zu helfen und unterstützt alle Dorfbewohner, die eure Hilfe brauchen. Nun bekommt ihr von mir ein Dankeschön dafür.“
Sie bedankten sich ganz herzlich und waren gerührt, denn für sie war ihre Hilfsbereitschaft selbstverständlich. Querbur reichte nun Becher mit duftendem heißen Tee herum und alle plauderten vergnügt miteinander. Schließlich verabschiedeten sich die Männer vom Magier und machten sich auf den Rückweg ins Dorf zum verabredeten, gemeinsamen Frühstück.
* * *
Atana spielte, nachdem sie sich beim Frühstück gestärkt hatte, mit den Dorfkindern auf dem Spielplatz. Laut war das Lachen und Kreischen der Kinder weithin zu hören. Und auch Gebell, denn Wopsi sprang um die Kinder herum und brachte seine Freude ebenfalls zu Gehör.
* * *
Lars hatte seine Schwester für ihre Reise mit Proviant und einer Thermoskanne mit heißem Tee versorgt. In ihrer Aufregung hatte Naya gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen war. Nun näherten sie sich einem Dorf und der Schlitten mit Grinsebacke verlor plötzlich an Höhe. Von oben waren festlich beleuchtete Häuser zu sehen. Eine riesige, geschmückte Tanne war auf einem Dorfplatz aufgestellt und glitzerte wie tausend Sterne. Überall war Bewegung. Die Gegend war so anders als ihre Heimat. Hier gab es keine weiße, unendliche Landschaft. Alles erschien noch grün und die Natur war unter keiner Schneedecke begraben. Wieder wurde Naya das Herz schwer. Noch nie war sie so lange von Atana getrennt gewesen. Sie wollte sie nun endlich wieder in ihre Arme schließen. Sanft setze der Schlitten schließlich neben einem Schuppen auf. Auch Nattoralik war im Landeanflug. Seine
gewaltigen Schwingen rauschten über sie hinweg.
Naya kletterte unschlüssig vom Schlitten herunter und griff nach ihrer Reisetasche. Ratlos sah sie sich um. Wohin sollte sie nur gehen? Da hörte sie Kinderlachen und Hundebellen und machte sich auf den Weg in diese Richtung. Schnell hatte sie den Spielplatz erreicht. Von der großen Menge spielender Kinder wurde ihr Blick fast magisch auf ein Mädchen mit blauschwarzem Haar gelenkt. Als sie das Gesicht des Kindes sehen konnte, brach es wie ein Vulkan aus ihr heraus.
„Atana! meine liebe Atana!“, rief sie, ließ ihre Tasche fallen und rannte auf das Mädchen zu. Atana hatte sich in die Richtung umgedreht, aus der ihr Name erklungen war, und kam nun ihrerseits auf ihre Mutter zugerannt. Lachend und weinend zugleich lagen sich die Beiden nur Sekunden später in den Armen.
„Wie geht es dir? Was machst du bloß für Sachen? Ich habe mir solche Sorgen gemacht!“ Nayas Redeschwall nahm kein Ende und gleichzeitig küsste sie ihre Tochter und umschlang sie, als ob sie sie nie mehr loslassen wollte.
„Mama, verzeih mir!“, stotterte Atana. „Ich wollte dir nur eine Freude bereiten! Ich wollte den Mann finden, dem du immer Briefe schreibst und sie dann doch nicht abschickst. Ich habe doch gemerkt, wie traurig du oftmals bist. Auch mich hat das traurig gemacht!“ Liebevoll strich Naya ihrer Tochter übers Haar.
Unterdessen waren die Kinder ringsum auf sie aufmerksam geworden. Neugierig und etwas ängstlich kamen sie näher, denn hinter Naya und Atana war Nattoralik soeben gelandet. Finns Hund Wopsi preschte heran und umkreiste den beeindruckenden Vogel bellend. So etwas großes hatte der kleine Hund noch nie gesehen. Die Kinder wagten sich nun auch dichter an den Vogel heran und plapperten aufgeregt durcheinander, was Nattoralik etwas nervös werden ließ. Der Trubel war eindeutig zu viel für ihn. Finn rief seinen Hund zu sich und beruhigte ihn. Wopsi hatte mittlerweile erkannt, dass der riesige Adler keine Bedrohung war, vor der er die Kinder schützen musste.
„Wo kommt er her?“, fragte Finn Atana, die ihren geliebten Natto bereits überschwänglich umarmte.
„Der gehört mir“, antwortete sie stolz. „Ich bin mit ihm hergeflogen.“ Finn war ganz begeistert und rief, dass er so gern auch mal mit einem Adler fliegen würde
„Ja“, sagte Atana. „Das können wir zusammen machen. Aber erst wenn Natto sich wieder beruhigt hat und ausruhen muss er sich auch noch.“ Da riefen die anderen Kinder alle durcheinander: „Wir wollen auch mal fliegen! Wir auch, jaaaa!“ Atana lachte, und versprach, dass alle Kinder an die Reihe kämen.
Der laute Tumult auf dem Spielplatz lockte weitere Kinder und viele Dorfbewohner heran. Unter ihnen waren auch Martha und Emilia. Atana erblickte die beiden, nahm die Hand ihrer Mutter und zog sie mit sich.
„Schau mal Mama, die haben mir geholfen!“ Beide Frauen waren überrascht, wie hübsch Naya war und wie sehr sich Mutter und Tochter ähnelten. Sie schlossen Naya in ihre Arme und hießen sie im Dorf herzlich willkommen.
Hinter ihnen breitete Nattoralik seine riesigen Schwingen aus, hob vom Boden ab und flog zum Waldrand, wo er sich ein Weilchen von den Strapazen der letzten Stunden erholen mußte. Naya und Atana liefen gemeinsam mit Martha und Emilia zu deren Haus. Als sie die gemütliche Stube betraten, war der Frühstückstisch noch immer reichlich gedeckt. Naya wurde Odio, Bauer Brix, Oma Kräuterle und einigen anderen Dorfbewohnern vorgestellt und ohne viel Aufsehen in die Runde aufgenommen, als ob sie schon immer dazu gehören würde. Weiter wurde fröhlich aufgetischt und gegessen und dabei von vielen Abenteuern erzählt. Naya fühlte sich sofort wohl. Gleichzeitig war sie aber auch aufgeregt, denn man hatte ihr erzählt, dass Josef bald kommen würde. Wie würde er wohl reagieren, wenn er sie nach einem Jahr das erste Mal wiedersah? Ihr Herz klopfte wie wild in ihrer Brust. Emilia sah ihr die Aufregung an und nahm sie in die Arme
„Bald werden die Männer hier sein. Noch müssen sie einige Dinge erledigen, damit Weihnachten richtig schön wird.“
Unterdessen stapften Josef und Heinrich hinter den anderen her und unterhielten sich über die Begebenheiten der letzten Stunden. Innerlich war Josef sehr aufgewühlt und vermochte kaum daran zu denken, wie Naya sich sorgte. Gleichzeitig war er überglücklich, weil er nun wusste, dass sich Naya ebenso nach ihm sehnte, wie er sich nach ihr. Wenig später betraten sie in Erwartung eines leckeren Frühstücks das Haus. Der Geruch nach gebratenen Eiern mit Schinken ließ ihnen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Als sie die Wohnstube betraten, stand zögernd und bis zu den Haarwurzeln errötend Naya vom Tisch auf. Josef hatte hinter Heinrich den Raum betreten. Als er so plötzlich und unvermutet Naya vor sich sah, wurde er ganz blass und blieb, wie zur Salzsäule erstarrt, mitten im Raum stehen. Nun ging Naya auf ihn zu, nahm seine Hände und schaute ihm tief in die Augen.
„Es brauchte den Mut meiner Tochter Atana, um mir über meine Gefühle zu dir klar zu werden! In vielen Briefen habe ich über die beginnende Zuneigung zu dir geschrieben, über meine Wünsche, mit dir und meiner Tochter ein gemeinsames Leben zu führen. Doch mir fehlte der Mut, die Briefe loszuschicken. Ich war mir nicht sicher, ob meine Liebe von dir erwidert werden würde. Ich hatte Angst vor einer Enttäuschung.“
Eine Träne lief ihr langsam die Wange herunter. Er löste seine Hände aus ihren und strich zärtlich die Träne fort. Dann nahm er die Frau, die er doch so sehr liebte, in die Arme.
„Ach meine liebe Naya!“, sagte er liebevoll. „Was können wir stolz auf Atana sein. Sie hat erkannt, dass Liebe keine Grenzen kennt. Ich liebe dich sehr! Ihre Reise hierher hat den Anstoß gegeben, mir das einzugestehen.“
Ganz langsam näherten sich ihre Gesichter zu einem ersten zaghaften Kuss. Es brandeten Jubel und Glückwünsche auf und es wurde in die Hände geklatscht. Lächelnd trennten die Zwei sich wieder voneinander. Nun stürmte eine vor Freude weinende Atana auf sie zu und alle drei fielen sich in die Arme. Dann setzten sie sich Seite an Seite an den Frühstückstisch.
Später ließ Atana ihre Mutter mit Josef allein einen Spaziergang machen, denn die Beiden hatten sich viel zu erzählen. Sie selbst vergnügte sich in der Zwischenzeit mit den Kindern des Dorfes und Nattoralik und seinen Rundflügen für die begeisterte Kinderschar. Jeder kam an die Reihe. Immer wieder ertönte quietschendes Freudengeschrei, als der Seeadler mit seinen kleinen Passagieren extra schnittig startete. Hinterher hörte man lachendes Stimmengewirr und gegenseitige Berichte über sanfte, aber in den Bäuchen der Kinder kribbelnde Schleifen, die der große Adler mit ihnen geflogen war.
* * *
Der Tag war in Windeseile vergangen und schon bald waren die Dorfbewohner in festlicher Kleidung unterwegs zum Weihnachtsgottesdienst in die wundervolle alte Kirche. Unter ihnen befanden sich auch Heinrich und Emilia mit ihren Kindern Lisa, Michel und dem im Kinderwagen sitzenden kleinen Matteo. Hinter ihnen lief Atana überglücklich und stolz zwischen Naya und Josef, die sie beide an die Hand genommen hatten. Wenn sie zu ihnen aufschaute, dann sah sie, dass sie sich immer wieder anstrahlten, als könnten sie ihr Glück kaum fassen.
Sachte begann es zu schneien.
* * *
Wie jedes Jahr strömten die Dorfbewohner nach dem Weihnachtsgottesdienst, begleitet vom Geläut der Glocken, auf den Dorfplatz und versammelten sich an der Weihnachtstanne. Rofibald und Querbur, die in der Kirche keiner gesehen hatte, tauchten auf einmal wie aus dem Nichts bei den Anderen auf und wünschten allen verschmitzt grinsend frohe Weihnachten.
Josef stand mit Naya und Atana neben Heinrich und Emilia und alle sahen gerade in den Kinderwagen, in dem der kleine Matteo nun friedlich schlummerte, als die Beiden dazu kamen. Während gegenseitige Weihnachtswünsche ausgetauscht wurden, fragte Heinrich sie mit Argwohn im Blick: „Warum grinst ihr so? Habt ihr irgend etwas ausgeheckt?“
Rofibald und Querbur sahen sich an und grinsten noch breiter. Bevor sie antworten konnten, vernahmen alle auf dem Dorfplatz ein Rauschen, welches immer mächtiger wurde und näher zu kommen schien. Suchend schauten sich alle um und staunten, als plötzlich die lange, gerade Dorfstraße wie von Zauberhand erleuchtet wurde. Wie breite Bänder zog sich das Licht an den Straßenrändern bis zum Dorfeingang hin und in diesem Moment leuchteten alle Bäume, die die Straße säumten, festlich auf. Das Rauschen wurde lauter und am Ende der Straße konnte man bunte Lichter sehen, die sich über dem Boden schwebend auf den Dorfplatz zuzubewegen schienen. Als die Lichter näher kamen, ging ein Raunen durch die Menge. „Aah“ und „Ooh“ tönte es von überall her und ging in Jubel und Klatschen über, als die Dorfbewohner erkannten, was da auf sie zukam.
Während alle in der Kirche gewesen waren, hatten sich Rofibald und Querbur eine Überraschung ausgedacht, und Nattoralik war vom Trollmagier mit einem weihnachtlich leuchtenden Gefieder versehen worden. Rofibald hatte inzwischen mit dem Chef gesprochen und gemeinsam beschlossen, dass der Adler in diesem Jahr vor dem Weihnachtsmann herfliegen sollte. Nun schwebte der festlich geschmückte Schlitten mit dem Weihnachtsmann hinter
dem prachtvollen Adler zum Dorfplatz, begleitet von Utila, Tytola, Aurelia und Tamina. Während der Adler und der Schlitten, stolz gezogen von acht Rentieren, sanft vor der großen und wunderschön geschmückten Tanne zum Stehen kamen, landeten die Eulen auf den Bäumen, die den Dorfplatz umgaben.
Noch einmal ließ Querbur seine Magie spielen. Passend zu den leise zu Boden tanzenden Schneeflocken erklang nun ruhige Weihnachtsmusik auf dem Dorfplatz.
Während sich die Erwachsenen kaum an der herrlichen Weihnachtsbeleuchtung ihres Dorfplatzes sattsehen konnten, stürmten die Kinder zu Nattoralik und zum Weihnachtsmann mit dem Schlitten voller Geschenke. Naya nahm Josefs Hand und zog ihn ein wenig weg von den Anderen.
Sie sah ihm in die Augen und fragte: „Was hältst du davon, wenn Atana und ich für immer bei dir bleiben? Die Kleine hat hier ganz schnell Freunde gefunden und ich fühle mich auch angekommen!“
Josef schluckte und antwortete mit gepresster Stimme: „Das wäre das größte und schönste Geschenk, das du und Atana mir machen könntet!“
Dann schloss er Naya fest in seine Arme und Freudentränen kullerten ihm über die Wangen. Während die Beiden sich mit
geschlossenen Augen einen innigen Kuss gaben, kamen ihre Freunde wieder näher und Atana trat ganz dicht an sie heran.
„Mama, bleiben wir hier?“, fragte sie ihre Mutter.
„Ja!“, antworteten Naya und Josef wie aus einem Mund und nahmen Atana in ihre Arme. Jubel brandete auf und alle Umstehenden beglückwünschten sie.
Querbur zauberte eine Sternschnuppe an den Himmel und sagte zu Josef, Naya und Atana:
„Wünscht euch etwas!“
Die Drei fasten sich an den Händen, während sie zu der Sternschnuppe hinauf schauten und dachten in diesem Moment das Gleiche. Kaum war die Sternschnuppe erloschen, klatschte der Weihnachtsmann in seine behandschuhten Hände, dass es dumpf hallte und feine, glitzernde Schneeflocken aufstoben.
„Ich kenne jeden Wunsch eurer Wünsche! Auch unausgesprochene!“, sagte er zu ihnen hin und zwinkerte dabei mit verschwörerischer Miene mit einem Auge. Er trat ein Stück zur Seite und ein weiterer Schlitten kam herangerauscht. Groß und imposant saß Lumiokko, der Schneemann, drauf. Was war die Freude groß. Natürlich wussten die Drei, dass es Nayas Bruder Lars war. Er breitete voller Freude seine mächtigen Schneearme aus.
„Für heute bin ich ausnahmsweise noch einmal für euch alle der Schneemann!“, sagte er herzlich lachend, während alle Kinder auf ihn zustürmten. Die Freude war riesig. Alle Herzen waren mit Liebe erfüllt und die Stimmung war glücklich und ausgelassen. Lars sagte zu seinen Lieben: „Ich freue mich von Herzen für euch. Durch Atanas Mut seid ihr nun vereint. Könnte es ein schöneres Weihnachtsgeschenk geben?“
– Ende –
