6. Geschichte
2023
Das verschüttete Dorf
Weihnachten
Seit 3 Tagen schneit es und ein Ende ist nicht abzusehen. Was die Dorfkinder freut, bereitet den Bewohnern viel Arbeit beim Schneeschippen. Als mit lautem Rauschen und Brummen eine Lawine ins Nachbardorf abgeht, starten die Bewohner eine einfallsreiche und magische Rettungsaktion. Die Zeit ist knapp, wird das Weihnachtsfest gerettet?
Das verschüttete Dorf
Episode 1 (von lesenbiene)
Hand in Hand kämpften sich Naya und Josef durch den meterhohen Schnee. Trotz Schneeschuhen fiel das Laufen schwer, denn immer wieder versanken ihre Beine tief in der kalten, weißen Pracht. Schneekristalle hatten sich auf ihrer Kleidung gesammelt. Der Himmel über ihnen hing immer noch voller dicker Schneewolken. Es hatte bereits volle drei Tage geschneit und es war kein Ende abzusehen. Der Wind, der dazu blies, türmte stellenweise hohe Eiswände auf. Naya war diese Schneemassen aus ihrer Heimat Grönland gewöhnt, doch für die Dorfbewohner war der frühe Wintereinbruch mit den Unmengen an Schnee etwas Außergewöhnliches. Niemand konnte sich daran erinnern, jemals so viel Schnee in so kurzer Zeit fallen gesehen zu haben. Nicht einmal Oma Kräuterle, obwohl sie zu den ältesten Einwohnern des Dorfes gehörte.
Nayas Wangen waren von der Kälte gerötet. Des Öfteren warf Josef seiner frisch angetrauten Ehefrau verliebte Blicke zu. Es schien dann, als ob sich ihre Wangen vor Glück noch etwas mehr röteten. Im Sommer hatte er um ihre Hand angehalten. Es war ihrer beider Wunsch gewesen, mit allen Dorfbewohnern eine unvergessliche Sommerhochzeit auf der großen Dorfwiese zu feiern. Zu einem Haarreif gebundene Wildblumen hatten die wunderschöne Braut anstelle eines Schleiers geschmückt. Atana wäre vor Stolz fast geplatzt, denn ihre Mutter und ihr Vater, wie sie Josef mittlerweile nannte, hatten sie zur Trauzeugin genommen.
Derweil liefen die Dorfkinder, mit denen sich Atana angefreundet hatte, laut schnatternd und lachend mit ihr gemeinsam ein ganzes Stück vor Naya und Josef. Auf ihren Skiern war es für sie leichter, die Strecke bis zur Scheune zu bewältigen. Als ob die Natur gewusst hätte, dass ein langer und harter Winter im Anmarsch war, hatte es im Herbst eine reiche Fülle an Waldfrüchten gegeben. Fleißig hatten die Kinder Kastanien, Eicheln, Bucheckern, Tannenzapfen und Nüsse gesammelt. Gut verstaut lagerte der Wintervorrat nun in der Scheune. Bauer Brix hatte ebenfalls vorgesorgt und in weiser Voraussicht mit Lotte Heu und Stroh zum Schuppen gebracht. Die Tiere des Waldes konnten bei hohem Schnee nicht an ihr Futter kommen. Es war dann für sie unmöglich, an das zarte Grün des Waldbodens zu gelangen. Darum hatte man Futterstellen im Wald eingerichtet. Diese mussten nun regelmäßig von den Menschen besucht und aufgefüllt werden, damit die Tiere keinen Hunger litten.
Endlich waren auch Naya und Josef bei der Scheune angelangt. Obwohl mehrere Männer erst am Nachmittag zuvor den Platz vor dem Schuppen freigeschippt hatten, lag schon wieder eine dicke Schicht Neuschnee. Vor dem Scheunentor hatte der Wind den Schnee besonders hoch aufgetürmt. Zum Glück hatten Josef und Naya an Schaufeln gedacht und diese von zu Hause mitgebracht. Sie machten sich sofort an die Arbeit und schaufelten den Schnee in hohen Bögen zu den Seiten. Die Kinder vertrieben sich derweil unter Kreischen und Lachen die Zeit bei einer Schneeballschlacht. Wenig später konnte das Tor geöffnet werden. Drinnen nahm Naya ihren Rucksack vom Rücken und holte heißen Früchtetee und ein paar Weihnachtskekse daraus hervor. Nach dem beschwerlichen Weg freuten sich alle über eine kleine Stärkung und der Tee wärmte schön von innen. Dann machten sie sich gemeinsam daran, das Futter für die Futterstellen aufzuteilen.
Der Schnee fiel unterdessen immer dichter und in riesigen Flocken, sodass das wenige Tageslicht den Wald kaum noch erhellen konnte. Der Wind wurde immer stärker. Plötzlich erfüllte ein gewaltiges Rauschen und Brummen die Luft. Es schien, als ob der Boden unter den Füßen zu vibrieren begann. Sofort hielten alle voller Sorge in ihrer Arbeit inne. Ängstlich scharten sich die Kinder um Josef und Naya, die diese zum Schutz in die Scheune schoben. Das Geräusch hörte sich mittlerweile an, als ob der Berg schreien würde. Die Zeit schien plötzlich still zu stehen. Nur der Boden wackelte noch immer unter den Füßen der sich ängstlich im Schuppen Zusammendrängenden. Plötzlich – wie von Zauberhand – trat Stille ein. Nun konnte man selbst das Atmen der anderen hören. Josef blickte reihum in erschrockene Gesichter und weit aufgerissene Augen. Er bat alle, einen Moment zu warten, zog seine Schneeschuhe wieder an, und wagte sich aus der Scheune. Als er den Waldrand erreicht hatte und in die Schlucht schaute, sah er etwas Unfassbares. Durch das Gewicht des Schnees hatte sich eine Lawine gelöst und war ins Nachbardorf abgegangen. Dort hatte sie, wie Josef zu erkennen glaubte, einige Häuser unter sich begraben.
Episode 2 (von ichbinsg)
Josef stapfte schnell zurück zur Scheune. Naya und die Kinder öffneten sofort das Tor, als sie draußen das Knirschen unter Josefs Schneeschuhen hörten. Naya erkannte große Sorge in Josefs Gesicht. Seine Stimme klang jedoch ruhig und besonnen, als er zu reden begann, denn er wollte den Kindern keine Angst machen. Er erklärte ihnen den Grund für den Lärm und das Beben. Was im Nachbardorf geschehen war, verschwieg er jedoch. „Lasst die restliche Arbeit stehen und liegen. Wir werden uns so schnell wie möglich auf den Rückweg machen, bevor wir hier draußen durch das Schneetreiben auch noch in Gefahr geraten. Die meiste Arbeit ist zum Glück bereits erledigt.“, sagte er und schnappte sich auch schon die Schaufeln, die er unbedingt mitnehmen wollte.
Während die Kinder ihre Sachen zusammensuchten, zog Josef Naya sanft zur Seite, um ihr das Gesehene unbemerkt zuzuflüstern. Naya riss bei seinen Worten entsetzt die Augen auf und schlug sich die Hand vor den Mund. „Was sollen wir tun? Die Menschen im Dorf werden unsere Hilfe brauchen, aber bis wir unten sind wird viel Zeit vergehen!“, stieß sie in verzweifeltem Flüsterton aus.
Daraufhin zog Josef Naya mit sich zu dem großen freien Platz neben der Scheune.
„Hilf mir schnell die Steine von der Abdeckung zu räumen. Wir werden jetzt die Feuerstelle nutzen, die nach dem Bau der Scheune hier oben extra angelegt wurde, und ein Feuer entzünden.“
Während sie hastig die Plane vom Schnee befreiten und beiseite zogen, rief Josef den Kindern zu, dass sie Stroh, Birkenrinde, trockene Hölzer sowie die alte Pferdedecke aus dem Schuppen herbeibringen sollten.
Nachdem das Feuer wenig später ordentlich aufloderte, warf er nasse Zweige, die er gemeinsam mit Naya von den umherstehenden kleinen Fichten abgeschnitten hatte, hinein, damit sich dadurch ordentlich Rauch entwickeln konnte. Mit der alten Decke versuchte er nun das für Gefahr vereinbarte Rauchzeichen in Richtung des eigenen Dorfes abzugeben und hoffte dabei innig, dass es gesehen wurde.
Wenig später, nachdem sie das Feuer mit mehreren Schaufeln Schnee wieder gelöscht hatten, machten sich alle eilig auf den Heimweg.
Unterwegs besprach sich Josef mit Naya. „Wir wissen nicht, ob unsere Warnzeichen gesehen wurden und ob schon jemand den Leuten im Nachbardorf zu Hilfe eilt. Lauf du mit den Kindern, so schnell ihr könnt heim und alarmiere Heinrich sofort. Ich werde an der nächsten Waldkreuzung abbiegen und schauen, ob ich Bauer Brix auf seinem Hof erreiche. Seine Tochter lebt doch im Nachbardorf. Außerdem weiß ich, dass Rofibald heute mit ihm verabredet war, um bei ihm die Äpfel für das Weihnachtsfest abzuholen. Rofi wird mit dem Schlitten dort sein und damit kommen wir hoffentlich schnell zum Unglücksort und können direkt Hilfe leisten. Wer weiß, wie groß der Schaden ist, den wir vorfinden werden. Hoffentlich konnten sich dort alle in Sicherheit bringen.“
Außerdem vereinbarten sie, dass Naya den Kindern später auch den Rest von der Lawinengeschichte einfühlsam erzählen solle. Um sie nicht übermäßig zu ängstigen und gleichzeitig etwas abzulenken, sollten sie so gut wie möglich in die Hilfe mit eingebunden werden. Josef hatte auch die Idee, Nattoralik zum Spähen loszuschicken. Da es aber unentwegt schneite und für die Berichterstattung jemand auf seinem Rücken mitfliegen müsste, äußerte er diese Idee vorerst nicht.
Als sie schließlich an die Waldkreuzung gelangten, nahm Josef Naya in die Arme und drückte sie fest an sich. Sie konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken. Zum Abschied gab sie ihm einen Kuss auf die Wange und bat ihn vorsichtig zu sein. Atana und ihre Freunde glitten auf ihren Skiern schnell zu ihnen heran, nachdem Josef sie gerufen hatte. Er erklärte ihnen, dass er noch etwas erledigen müsse und sie alle aufeinander Acht geben sollten, wenn sie den Rest des Weges mit Naya allein unterwegs sein würden. Auch von ihnen verabschiedete er sich herzlich. Dann trennten sich ihre Wege.
Episode 3 (von Co-Rona)
Josef kämpfte sich gegen den starken Wind durch den hohen Schnee. Dicke Flocken wirbelten über ihn hinweg. Voller Sorgen versank er dabei in Gedanken. Wie konnte man den Bewohnern des Nachbardorfes am schnellsten Hilfe leisten? War sein Rauchzeichen überhaupt im eigenen Dorf gesehen worden? Jetzt hatte er große Zweifel daran, aber dennoch war es einen Versuch wert gewesen. Plötzlich blieb er beim Laufen mit einem Schneeschuh an etwas hängen und fiel der Länge lang in den weichen Schnee. Verwundert rappelte er sich wieder hoch und schaute sich um, konnte aber nicht sehen, worüber er gestolpert war. „Verflixt!“ brummte er vor sich hin, während er den Schnee von seinen Sachen abklopfte. Dann sah er sich abermals um. Irgend etwas musste hier sein. Er konnte es förmlich spüren. Nun meinte er, den Schnee leise knirschen zu hören. Er verharrte wie angewurzelt und lauschte mit angehaltenem Atem. Dabei entdeckte er Fußabdrücke, die nicht seine sein konnten, denn sie waren viel zu klein. Da fiel ihm ein kleiner Stein vom Herzen. Keine nächste Lawine, die sich löste.
„Odio?“ rief er. „Hast du deine Tarnkappe auf? Ich weiß, dass du es bist!“ Ertappt riss sich Odio Nix seine Kappe vom Kopf. Wie aus dem Nichts erschien er vor Josef und sah schuldbewusst zu ihm auf.
„Odio? Was ist los? Warum schleichst du getarnt hier herum? Hast du von der Schneelawine etwas mitbekommen?“ prasselten Josefs Fragen auf ihn herab. „Ja… ja das hab ich.“ stotterte Odio. Dann fing er sich wieder und sagte: „Es tut mir leid, aber für einen Moment kam meine alte Wut hoch und ich bin einfach geflüchtet. Das Einzige, wonach ich griff, war meine Tarnkappe. Ich wollte nur noch weg. Aber während der Flucht wurde mir bewusst, was ich da tat. Und dann kam mir die Idee. Ich will zu Querbur. Er muss dieses Rabitum herstellen! So viel wie möglich! Damit können wir bestimmt einiges bewirken, um den Bewohnern zu helfen.“
Erleichtert atmete Josef auf. Er beugte sich herab und klopfte Odio freundschaftlich auf die Schulter. „Das ist eine sehr gute Idee. Ich bin auf dem Weg zu Bauer Brix. Rofibald wird auch dort sein und wir werden uns was einfallen lassen.“ Odio war froh, dass Josef ihn nicht verurteilte. Schließlich hatte er ja noch gerade so die Kurve gekriegt und sich besonnen. Er erzählte ihm, dass Martha bei Emilia sei. Sicherlich würden die Frauen sich auch etwas ausdenken. Dann berichtete er Josef von den bunten Blitzen, die er vor wenigen Minuten über dem Wald gesehen hatte. Beide schauten in die Richtung, in die Odio zeigte und überlegten, was das wohl gewesen sein könnte. Im selben Augenblick wurde ihnen klar, dass das die Richtung war, in der die knorrige alte Eiche stand, in der der Trollmagier lebte.
„Ich bin so blöd!“ rief Odio. „Das war bestimmt Querbur! Sicher arbeitet er schon an einer Lösung.“
„Stimmt,“ pflichtete Josef ihm bei. „Er muss das Donnern und Grollen der Lawine auch mitbekommen haben. Die Idee, zu ihm zu gehen, ist wirklich sehr gut. Lauf weiter, aber sei vorsichtig. Kommt so schnell wie möglich ins Dorf. Sobald ich Bauer Brix und Rofi erreicht habe, werden wir uns auch auf den Weg dorthin machen und alle zusammentrommeln. Wir treffen uns dann auf dem Dorfplatz.“
Eilig gingen nun beide ihrer Wege, denn die Zeit lief ihnen davon. Die Bewohner im Lawinendorf mussten so schnell wie möglich gerettet werden. Das hatte jetzt oberste Priorität, denn sonst würde es ein trauriges Weihnachten geben und das wollte niemand.
* * *
Naya war mit den Kindern inzwischen fast im Dorf angekommen, als sie Querbur erblickte. Ein knorriger kleiner Mann im wallenden Mantel, bei dem sie nie wusste, ob er lief oder schwebte. Es sah immer so merkwürdig aus.
„Querbur! Gut, dass du auch da bist!“ rief sie. „Hast du es auch mitbekommen?“
„Klar, es war einfach nicht zu überhören,“ antwortete er. „Es hat mich fast aus meinem Baumhaus geschmissen, so sehr hat es gewummert. Draußen habe ich dann ganz kurz ein Rauchzeichen gesehen, aber der Wind hat es sofort fortgeweht.“
„Das waren wir. Wir haben nicht darüber nachgedacht, ob man das bei dem Schneetreiben sehen würde.“
Unterdessen kamen sie ins Dorf, wo schon großer Betrieb herrschte. Alles war in Aufruhr. Die Dorfbewohner rannten mit Schaufeln und Schneeschiebern umher und luden sie auf Schlitten. Und schon kamen ihnen Martha und Emilia entgegengerannt. Weinend rief Martha: „Habt ihr Odio gesehen? Er ist verschwunden! Ich befürchte, er hatte einen Rückfall. Er hat sogar seine Tarnkappe mitgenommen!“
Naya wusste inzwischen von der damaligen Geschichte, da Josef ihr nach und nach alles erzählt hatte. In dem einem Jahr, seit sie hier lebte, hatte sie viel über das Dorf und seine Bewohner erfahren. Ihre Tochter Atana war inzwischen eines der beliebtesten Mädchen im Dorf, nicht zuletzt wegen ihres majestätischen Adlers Nattoralik.
Nun war die Sorge um Odio groß, doch Emilia beschwichtigte alle und meinte, dass er doch ziemlich vernünftig sei und sich bestimmt wieder fangen würde. Nur war die Frage, wohin er wohl unterwegs sein konnte. Da fuhr es wie ein Blitz durch Querbur. Er griff sich an den Kopf und rief: „Mist! Ich befürchte er ist auf dem Weg zu mir! Ich ahne schon, welche Idee er haben könnte!“ Fragend schauten ihn alle an. „Das Rabitum!“
„Oh nein, dann ist er bestimmt hoch hinauf in den Wald zu dir!“ rief Martha.
„Ich muss zurück.“ sagte Querbur. „Aber ich beeile mich.“ Daraufhin drehte er um und schwebte ohne ein weiteres Wort über den Schnee davon.
Nachdem Naya die Kinder schnell um sich versammelt und ihnen so behutsam wie möglich das volle Ausmaß der Lawine geschildert hatte, lieferte sie sie gemeinsam mit Emilia und Martha bei den Eltern ab, die mittlerweile auch schon in Sorge waren.
Emilias und Heinrichs kleiner Sohn Matteo befand sich in Oma Kräuterles Obhut, wo nun auch Atana hingebracht wurde. Nachdem sie Oma Kräuterle stürmisch umarmt hatte, beschlossen die Beiden kurzerhand, große Mengen Tee zu kochen, mit denen sie später die geretteten Dorfbewohner versorgen wollten.
Trotz aller Sorge um Odio war Martha weiter voller Tatendrang. Alle wollten helfen.
Da das Dorf erhöht lag, konnte man von einer Seite ins Tal blicken, wo sich das Nachbardorf befand. Heinrich war bereits dort gewesen und hatte jedem erzählt, was er gesehen hatte. Eine gigantische Lawine war hinabgerutscht. Ein Teil des Dorfes lag bis hinauf zu den Dächern unter den Schneemassen.
Es dauerte nicht lange, da kam Josef mit Bauer Brix und Rofibald auf einem Schlitten daher, der von Lotte gezogen wurde. Mittlerweile hatten sich viele auf dem Dorfplatz versammelt und das weitere Vorgehen wurde besprochen. Martha übernahm wie selbstverständlich die Rolle der Organisatorin. Von Rofibald erfuhr sie, dass Utila mit ihren Schwestern ebenfalls auf dem Weg zu ihnen war. Und Heinrich konnte sie beruhigen, als er ihr von seinem Treffen mit Odio berichtete. Nur die bunten Blitze, die Odio im Wald gesehen hatte, warfen Rätsel auf, denn sie waren nicht von Querbur gekommen. Der war ja bereits auf dem Weg ins Dorf gewesen.
Episode 4 (von Berta)
Schon nach kurzer Zeit machte sich ein erster großer Hilfstrupp auf den Weg. Unter den zahlreichen Erwachsenen befanden sich auch Emilias Kinder Michel und Lisa, die mittlerweile zur Dorfjugend gehörten und immer zur Stelle waren, wenn irgendwo Hilfe gebraucht wurde. Emilia war sehr stolz auf die Beiden, die es früher, als sie eine Witwe in armen Verhältnissen war, nicht leicht gehabt hatten.
Heinrich, Josef und Rofibald verluden noch dicke Decken, Planen, Seile, Verbandsmaterial und andere wichtige Dinge auf dem Schlitten von Bauer Brix, während er Lotte fütterte. In Kürze würden auch sie sich auf den Weg machen.
* * *
Querbur war schon bald wieder im Wald und näherte sich seiner Eiche, als er plötzlich bunte Blitze am Himmel entdeckte, die sich kreisförmig ineinander verwirbelten und in der nächsten Sekunde verschwunden waren. Sekunden später das gleiche Spiel. Und wieder und wieder. Er beschleunigte seine Schwebeschritte und entdeckte schon bald seine Schwester Quirbana vor der Eiche. In der einen Hand hielt sie ihren eigenen Zauberstab aus Schlangenholz, in der anderen ihr Zauberformelbuch, das er an den lila-goldenen Verzierungen des Einbandes erkannte. Zu ihren Füßen lag ein kleiner bunter Haufen aus Muscheln und Fliegenpilzen, der in einem blau schimmernden, glibberigen Brei schwamm. Gerade stampfte sie mit dem Fuß auf und schaute mit zorngerötetem Gesicht darauf hinab. Ihr unbändiger Lockenkopf schaute unter der Kapuze des reich verzierten Umhanges hervor.
„Quirbana, Schwester! Was tust du da? Kaum lasse ich dich eine Weile allein, schon musst du wieder Unfug treiben! Ich habe dir doch gesagt, dass du noch nicht so weit bist!“
Ertappt schaute die Angesprochene auf und blickte direkt in die klugen, gutmütigen Augen ihres älteren Bruders, der ihr nun gegenüber stand.
„Ich weiß, Bruder! Aber ich kann doch nicht untätig in deinem warmen Baumhaus herumsitzen und nichts tun, während unweit von hier viele Menschen in Gefahr sind! Ich dachte, dass ich die Formel für dieses Rakratum in meinem Buch hätte. Aber sie funktioniert nicht, wie du siehst.“ Wieder stampfte sie wie ein bockiges Kind mit dem Fuß auf.
Querbur konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Er nahm seine kleine Schwester in den Arm und tröstete sie.
„Was du da herzustellen versuchst, das wird nicht helfen. Schau dir den Glibber an!“ Wieder lachte er und Quirbana konnte nicht anders als in sein Lachen einzustimmen.
„Was wir brauchen, das ist das Rabitum. Ganz viel davon. Aber diese Formel kennst du noch nicht. Ich musste mir doch erst ein Bild machen, womit wir es zu tun haben, um zu wissen, wie wir mit vereinter Magie helfen können. Lass uns reingehen und das Rabitum drinnen herstellen. Dafür braucht es nicht viel Platz und ich will nicht, dass dich hier zufällig irgend jemand entdeckt.“
Drinnen setzten sie sich beide an Querburs Pult. Als er sein großes Zauberbuch aufschlug, um nach der Formel zu suchen, sah Quirbana ihm neugierig über die Schulter und öffnete sofort ihr Formelbuch, um mitschreiben zu können.
„Ah, hier haben wir es!“ sagte Querbur, als er mit dem Zeigefinger auf einen Textabschnitt tippte. Das Buch war auf dieser Seite schon recht abgenutzt und er hatte in den vergangenen Jahren an vielen Stellen Notizen und kleine Zeichnungen hinzugefügt.
„Warte mit dem Aufschreiben, bis du es wirklich kannst. Du musst deine Ungeduld in den Griff bekommen, Schwesterlein!“, sagte er liebevoll. „Hier hast du eine eigene Auffangschale. Stell dich neben mich und bleib mit dem Zauberstab direkt darüber, damit dir nichts daneben geht. Wir brauchen wirklich jeden Tropfen! Ich mache es dir erst einmal vor.“
„Fatorum satola regabu! Tegisa obulum!“ beschwor Querbur seinen senkrecht nach unten geneigten Zauberstab. Kaum hatte er die Formel ausgesprochen, tropfte eine bläuliche Flüssigkeit mit zischenden Geräuschen aus der Stabspitze. Es bildete sich eine kleine Pfütze in der Schale darunter, aber schon nach wenigen Sekunden tropfte es nicht mehr.
„Jetzt tu es mir gleich und sprich die Formel aus!“, sagte er zu Quirbana, die neben ihm stand und sich konzentrierte.
„Fatorum satola regabu! Fregisa obulum!“ kam es aus ihrem Mund. Aber statt bläulicher Tropfen krabbelten rosa leuchtende Ameisen aus der Spitze an ihren Zauberstab hoch.
„Stopp, stopp, stopp!“ rief Querbur. „Fagixa retorum obulum!” sagte er, während er Quirbanas Zauberstab mit der rechten Hand fest umklammerte. Sofort versiegte der Ameisenstrom und die kleinen Tierchen zerplatzten wie winzige Seifenblasen und lösten sich in Luft auf.
„Ich führe es dir noch einmal vor. Hör genau hin. Beim nächsten Mal machen wir es dann gemeinsam.“
Wieder sagte er die richtige Formel auf und wieder tropfe es in seine Schale nieder. Nun sprachen beide die Formel gleichzeitig aus und diesmal begann auch Quirbanas Schale, sich zu füllen. Aber es waren noch unzählige Wiederholungen nötig, um die Schalen so voll zu bekommen, dass sie mindestens zwei Dutzend Ampullen befüllen konnten. Dann würde ihnen erst einmal die Kraft ausgegangen sein. Sie arbeiteten so konzentriert vor sich hin, dass sie das Klopfen an der Tür des Baumstammes zuerst gar nicht hörten. Erst als Odio von außen mit ganzer Kraft dagegen hämmerte, hielten Querbur und Quirbana inne.
„Augenblick!“, rief Querbur in Richtung Tür und schob Quirbana mitsamt ihres Zauberstabes und ihrer halb gefüllten Schale hinter den Tarnparavant unweit des Kamins, in dem ein Feuer prasselte und gab ihr ein Zeichen, sich still zu verhalten. Dann öffnete er die Tür einen Spalt breit und entdeckte Odio.
„Komm rein, mein Freund! Ich habe mir schon gedacht, dass du kommen würdest!“
Odio trat ein und klopfte sich den Schnee von Jacke und Hose. Seine Tarnkappe legte er neben der Tür auf die Wurzelholzbank.
„Wieso hast du mich erwartet?“, fragte er den Magier.
„Ich war unten im Dorf. Martha und deine Freunde machen sich Sorgen um dich, weil du einfach so mir nichts dir nichts mitsamt deiner Tarnkappe verschwunden bist. Als ich davon erfuhr, habe ich mir schnell denken können, dass du wegen des Rabitums zu mir kommen würdest.“
„Du warst im Dorf? Aber ich habe doch vor einiger Zeit die Blitze über deiner Eiche gesehen! Ich habe Josef auch davon erzählt, als ich ihm unterwegs begegnet bin.“
„Die Blitze… Ja…“, antwortete Querbur nun gedehnt und in seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Sollte er Odio das Geheimnis über seine Schwester anvertrauen? Keiner wusste bisher, dass es sie gab.
Episode 5 (von Brathahn)
Eigentlich wollte er sie gern noch geheim halten, andererseits war ihm aber auch klar, dass er jetzt nicht nur eine Begründung für Odio brauchte, sondern ihn später auch Josef danach fragen würde und es auch gut möglich war, dass noch andere Dorfbewohner etwas von ihr mitbekommen hatten. Deshalb beschloss er, Odio und später auch den Anderen reinen Wein einzuschenken.
„Quirbana!“, rief er nach seiner Schwester. Odio Nix guckte erstaunt, als Querburs Schwester plötzlich, wie aus dem Nichts neben dem Kamin auftauchte.
„Odio, das ist meine kleine Schwester Quirbana“, begann Querbur zu erklären. „Sie lebt in einem Wald auf der anderen Seite des Sees, der sich ein ganzes Stück hinter dem Dorf befindet, auf das die Lawine niedergegangen ist. Seit einiger Zeit ist sie hier bei mir und lernt von mir alles, was sie als zukünftige Trollmagierin später einmal brauchen wird. Auch bei ihr gibt es ein kleines Dorf, ähnlich wie das unsere, dessen Bewohner sie dann gern unterstützen möchte.“
„Du hast noch nie ein Wort von ihr gesagt!“, unterbrach ihn Odio. „Warum hast du sie noch nicht im Dorf vorgestellt?“
„Sie ist noch nicht lange hier bei mir und keiner wusste bisher von ihrer Existenz“, antwortete Querbur. „Aber das werde ich jetzt nachholen.“
Quirbana hatte sich, nachdem Querbur ihr Odio Nix vorgestellt hatte, mit an den Tisch gesetzt, an dem die beiden Gnome inzwischen Platz genommen hatten. „Was wollen wir jetzt machen?“, fragte sie die beiden Männer. „Ich habe das restliche Rabitum aus meiner Schale noch in Ampullen abgefüllt. Hoffentlich reichen unsere Vorräte, um schnell die allernötigste Hilfe leisten zu können.“
Querbur strahlte förmlich übers ganze Gesicht, so stolz war er in diesem Moment auf seine kleine Schwester. Auch wenn sie häufig noch etwas stürmisch und manchmal ein wenig bockig war, wenn etwas nicht gleich klappte, so war sie doch sehr wissbegierig und hatte ganz genau erkannt, wie wichtig die Hilfe für das Nachbardorf war und welche Prioritäten jetzt gesetzt werden mussten. Er war sich sicher, sie würde einmal eine ganz ausgezeichnete Trollmagierin werden, aber das sagte er ihr noch nicht, denn er wusste, der richtige Moment dafür würde bald kommen. Es würde bestimmt nicht mehr lange dauern, bei den Fortschritten, die sie in den letzten Monaten gemacht hatte.
„Odio, du weißt über den Umgang mit dem Rabitum Bescheid. Nimm ein paar fertige Ampullen mit und mach dich auf den Weg!“, sagte Querbur, als es plötzlich erneut an der Tür zu seinem Baumstamm klopfte.
Wer konnte das sein? Die Drei schauten sich fragend an, und noch bevor Querbur auf das Klopfen reagieren konnte, vernahmen sie eine bekannte Stimme von draußen seinen Namen rufen.
„Tytola!“, riefen die beiden Gnome sichtlich erfreut und auch erleichtert wie aus einem Mund. Querbur riss die Tür auf. „Du kommst uns wie gerufen!“, begrüßte er die Eule und ließ sie ein. „Odio wollte sich gerade auf den Weg machen.“
„Ich bin hier, um euch zu sagen, dass schon ein Hilfstrupp unterwegs ist. Von Josef weiß ich, dass Odio hier sein würde.“
„Sehr gut, dann läufst du nicht umsonst zurück!“, sagte Querbur an Odio gewandt. „Mach dich gleich auf den Weg zu den Anderen. Quirbana und ich stellen inzwischen noch mehr Rabitum her“, woraufhin die Beiden vorsichtig ein paar Ampullen in Odios Kiepe verstauten.
„Quirbana!“, sprach Tytola den Namen nun laut aus. „Jetzt weiß ich, wer diese hübsche junge Frau da ist, die du mir nicht vorgestellt hast! Querbur, das muss doch deine Schwester sein! Ihr habt die gleichen klugen, gutmütigen Augen!“
„Woher weißt du, dass ich eine Schwester habe?“, fragte Querbur verdutzt. „Ich habe doch niemandem jemals von ihr erzählt?“ In Tytolas Gesicht war ein geheimnisvolles Lächeln zu erkennen. „Als direkte Mitarbeiterin vom Chef weiß man manchmal Dinge, über die noch niemand laut gesprochen hat“, antwortete sie.
„Das hätte ich mir ja eigentlich denken können“, entgegnete Querbur, worüber alle Vier lachen mussten.
„Nun seid ihr ja zu zweit, um helfen zu können, das trifft sich sehr gut“, meinte Tytola.
Zu Odio gewandt sprach sie weiter: „Vor wenigen Minuten hat das starke Schneetreiben endlich nachgelassen. Gerade als ich losflog. Aurelia ist zu Nattoralik geflogen, um ihn zu fragen, ob er uns unterstützen kann. Er sollte jetzt auf dem Weg hierher sein. Du kannst mit ihm zu den Anderen fliegen und bist so viel schneller vor Ort, um zu helfen. Traust du dir den Flug zu, auch wenn es noch nicht ganz aufgehört hat zu schneien?“
„Auf jeden Fall!“, entgegnete Odio. „Die Leute im Nachbardorf brauchen unbedingt unsere Hilfe. Da sind ein paar Schneeflocken für mich kein Hindernis.“
Genau in dem Moment vernahm man von draußen ein leises Rauschen. Die Vier traten vor die Tür von Querburs Eiche und Quirbana bekam große Augen. Der Adler war soeben auf dem kleinen Platz vor der Eiche gelandet und hatte die Flügel noch ausgebreitet. Ihr Bruder hatte ihr zwar schon von dem Seeadler erzählt, aber nie hätte sie gedacht, dass er tatsächlich so riesengroß sein würde.
Nachdem Tytola sich mit Nattoralik verständigt hatte, verabschiedete sich Odio und kletterte auf Nattoralik, der seinen Körper so flach wie möglich auf den Boden drückte, um dem Gnom das Aufsteigen zu erleichtern. Dann erhob er sich mit seinem markanten Schrei elegant in die Lüfte und flog wieder davon.
Querbur, Quirbana und Tytola gingen zurück in die Eiche. Sie besprachen das weitere Vorgehen. Tytola würde ebenfalls in Richtung des Nachbardorfes fliegen, sich einen Überblick über die Lage verschaffen und sich dann mit ihren Schwestern treffen. Querbur und Quirbana wollten inzwischen weiteres Rabitum herstellen, welches die Eulen später gemeinsam abholen und dahin bringen konnten, wo es am dringendsten gebraucht wurde. Nachdem alles besprochen war, machte sich nun auch Tytola wieder auf den Weg.
* * *
Heinrich, Josef und Rofibald waren inzwischen schon eine Weile mit Lotte, Bauer Brix und dem schwer beladenen Schlitten voller Hilfsmaterial auf dem Weg ins benachbarte Dorf. Der erste Hilfstrupp schien sehr gut vorangekommen zu sein, denn sie schafften es nicht, ihn einzuholen. Zum Glück hatte endlich das tagelange Schneetreiben nachgelassen, so dass sie die Spuren nutzen konnten. Wortlos und angespannt stapften die Männer durch den Schnee. Als sie gerade kurz pausierten, um einen Schluck heißen Tee aus der mitgenommenen Thermosflasche zu trinken, hörten sie plötzlich ein Rauschen, welches immer lauter zu werden schien. Heinrich wollte den Anderen gerade sagen, dass ihm dieses Rauschen irgendwie bekannt vorkomme, er es aber im Moment einfach nicht zuordnen könne, als sie einen lauten Schrei vernahmen. Jeder Fremde hätte einen riesigen Schreck bekommen, doch in den Gesichtern der Männer machte sich Erleichterung breit, denn nun war ihnen klar, dass es der Ruf von Atanas Seeadler war, mit dem dieser sich immer meldete, wenn er irgendwo losflog oder wieder landete. Sekunden später sahen sie das große, prachtvolle Tier näherkommen. Erst kurz vor seiner Landung erblickten sie auch Odio Nix, der im Gefieder des riesigen Vogels kaum auszumachen war.
Nachdem Odio von Nattoraliks Rücken geklettert war und seine Freunde umarmt hatte, erzählten sich die Männer kurz alle Neuigkeiten und wollten eben das weitere Vorgehen abstimmen, als plötzlich Utila und Tamina angeflogen kamen. Als auch sie gelandet waren, berichteten sie mit Anspannung in ihren gefiederten Gesichtern von den Erkenntnissen ihres ersten Erkundungsfluges. Die Lawine hatte gewaltige Schneemengen in das Dorf gebracht und einige Häuser waren von den Schneemassen eingeschlossen, hatten aber offenbar der Last wenigstens standgehalten und waren bisher nicht eingestürzt. Der erste Hilfstrupp hatte die Dorfgrenze vor wenigen Minuten erreicht, aber genau an der Stelle waren die Schneeberge besonders hoch, sodass man sich nun einen Zugang ins Dorf freigraben musste und Hilfe dringend gebraucht wurde.
Während die Männer berieten, wie man so schnell wie möglich ins Dorf käme, machte Nattoralik mit einem Schrei auf sich aufmerksam.
Episode 6 (gemeinsame Abschlußepisode)
Den Anderen war sofort klar, dass der Seeadler sich weiter nützlich machen und so schnell wie möglich wieder in die Lüfte aufschwingen wollte.
„Nattoralik sollte sofort zu Querbur zurückfliegen und ihm die Information zukommen lassen, wie schlimm es wirklich im Nachbardorf aussieht. Kannst du ihm nicht schnell ein paar Zeilen schreiben, Odio?“, fragte Utila den Gnom, der sich nach dem Flug noch immer aufwärmen musste und sich deshalb unaufhörlich die Hände rieb und von einem Bein aufs andere hüpfte.
„Zum Schreiben sind meine Hände noch zu kalt.“, antwortete er prompt.
„Aber ich kann Querbur erreichen!“, mischte Rofibald sich schnell in das Gespräch ein. Meine Rufwurzel hat eine neue Funktion. Ich kann ihm ein Glyfifix schicken.“
Schnell rollte er zwei an seiner Rufwurzel befestigte, halbrund gebogene Edelholzstäbchen zwischen seinen Fingern hin und her, wobei er die Augen geschlossen hielt. Die Umstehenden schauten ihm verwundert dabei zu.
„So, fertig!“, sagte er, nachdem er die Augen wieder geöffnet hatte und stopfte die Rufwurzel zurück in seine Kiepe.
Bauer Brix, der die letzten Minuten etwas abseits Lotte mit ein paar Möhren gefüttert hatte, trat nun wieder zu den Anderen und fragte, ob man Nattoralik nicht mit dem Verbandsmaterial und den Decken voraus in das am schlimmsten betroffene Gebiet schicken könne, damit nun dort so schnell wie möglich eventuell Verletzte versorgt werden konnten. Sofort waren sich alle einig, dass dies eine sehr gute Idee sei und luden gemeinsam ein paar verschnürte Pakete vom Schlitten auf Nattoraliks Rücken um. Kurz darauf schwang sich der riesige Vogel mit seinem Begleitschrei wieder in die Lüfte auf und flog davon. Die Anderen setzten nun auch ihren Weg fort und kamen mit dem jetzt etwas leichteren Schlitten zügiger voran.
* * *
Während Querbur und Quirbana mit letzter Magierkraft noch vereinzelte Tropfen des Rabitums in ihren Schalen auffingen, hörten sie hinter sich plötzlich leise quietschende und schabende Geräusche, die von Querburs Schreibtisch kamen. Er legte seinen Zauberstab quer über die Auffangschale, ging hinüber und Quirbana folgte ihm auf dem Fuß. Beide sahen nun, wie sich in einem flachen, quadratischen Perlmuttkästchen winzige Tannennadeln wie von Zauberhand zu Buchstaben aneinanderreihten. Nach wenigen Sekunden wurde daraus ein Text.
— DORF IN GROSSER NOT. RABITUM REICHT NUR FÜR EINE SCHNEISE. HÄUSER AM WESTHANG KÖNNEN DAMIT NICHT BEFREIT WERDEN —
Betroffen schauten die Beiden sich an. „Diese Nachricht kommt von Rofibald“, sagte Querbur. „Uns muss doch noch irgend etwas anderes einfallen. Es dauert viel zu lange, ausreichend Rabitum herzustellen, um diese Schneemassen zu bekämpfen.“
Quirbana nickte, wobei ihre roten Locken auf und ab hüpften. Dann ließ sie sich mit traurigem Blick auf einen Zedernholzhocker sinken. Querbur tat es ihr zur anderen Seite des Schreibtischs gleich. Minutenlang herrschte Stille im Raum. Das Rabitum schimmerte blau in den Schalen, neben denen noch reichlich leere Ampullen lagen.
Plötzlich sprang Quirbana von ihrem Hocker hoch zu ihrem Bruder hin, umarmte ihn stürmisch und kniete vor ihm auf dem Boden nieder. Sie legte die Hände auf ihr Herz und sagte mit großen Augen: „Ich habe doch Mamas großes Formelbuch geerbt. Du hast den Schlüssel. Ich weiß, du sollst eigentlich warten, bis ich meine Prüfung abgelegt habe, ehe du das Buch für mich öffnest. Aber in so einer Notsituation solltest du doch eine Ausnahme machen dürfen. Denkst du nicht? Mama war Großmeisterin. Ich bin sicher, in ihrem Formelbuch finden wir noch eine andere Lösung. Gemeinsam könnten wir es zumindest versuchen!“
Querbur überlegte kurz, legte dann seine linke Hand auf Quirbanas Schulter und antwortete: „Ich habe Mama versprochen, dass ich ihr diesen Wunsch erfülle und sie sich bei meiner Magierehre auf mich verlassen kann. Aber was hältst du davon, wenn wir das Buch öffnen, aber nur ich heute darin blättere und nach einer geeigneten Formel suche. Wäre das ein Kompromiss, den du akzeptieren könntest, Schwester? Sollte ich etwas finden, dann schreibe ich es mit unsichtbarer Tinte auf und verschließe das Buch danach sofort wieder.“
Noch während Querbur sprach, machte sich Enttäuschung auf Quirbanas Gesicht breit. Ihre Ungeduld konnte er sehr gut verstehen, war er doch auch selbst nicht der geduldigste Gnom. Doch es dauerte nicht lange und ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände, gab ihm einen Kuss und sprach dann mit bewegter Stimme. „Lieber Bruder, du hast Recht! Versprechen darf man nicht brechen! Ich entschuldige mich von Herzen bei dir, dass ich das überhaupt in Erwägung gezogen habe. Glaube mir, ich wollte dich nicht in Gewissensnot bringen! Natürlich bin ich damit einverstanden.“
„Ach liebe Schwester, dafür liebe ich dich“, sagte Querbur und strich ihr über die Wange. Schnell eilte sie zu ihrem Koffer und holte das dicke, etwas zerkratzte Zauberbuch heraus. Im sanften Licht glänzte der Einband in ihren Händen in allen Regenbogenfarben. Querbur hatte unterdessen Platz an seinem Schreibtisch genommen. Schnell holte er aus der Schublade den goldenen, verschnörkelten Schlüssel hervor und öffnete das Buch. Silberne Sterne blitzten dabei auf. Ihm war so, als ob er das lächelnde Gesicht seiner Mutter darin sah. Quirbana war zurück zu ihrem Zauberstab gegangen und stellte weiter Rabitum her. Immer wieder warf sie ihrem Bruder, der in dem dicken Buch Seite um Seite umblätterte, verstohlene Blicke zu.
Nach ein paar Minuten hob Querbur ruckartig den Kopf und sagte mit aufgeregter Stimme: „Ich habe etwas gefunden! Diese Formel könnte uns helfen!“ Ein spitzbübisches Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit. Schnell griff er nach einem Blatt Zauberpapyrus und dem Federkiel mit der Zaubertinte. Sorgfältig notierte er alles. Mit einem dankbaren Blick zu seiner Schwester schlug er das Buch wieder zu, verschloss es und gab es ihr zurück. In kurzen Worten schilderte er das mögliche Ergebnis, sollte diese Formel tatsächlich funktionieren. Auch bei ihr machte sich Erleichterung breit, hatten sie doch nun wieder die Hoffnung, den Bewohnern des lawinengeplagten Dorfes helfen zu können.
Querbur bat Quirbana, nun weiter in der gemütlichen Baumwurzel Rabitum herzustellen, solange sie noch die Energie dafür aufbringen konnte. Jeder einzelne Tropfen wurde dringend gebraucht.
Schnell packte er seine Tasche mit den Dingen, die er benötigte, sorgfältig darauf achtend, dass das Papyrus keinen Schaden nahm und vor Feuchtigkeit geschützt war. Da der Weg in das Dorf lang war, zog er sich warme Kleider und seinen Winter-Zaubermantel an. Dann verabschiedete er sich herzlich von seiner Schwester und stiefelte hinaus in den verschneiten Wald. Der Weg war mühsam, denn der Schnee lag sehr hoch. Er kam in Versuchung etwas vom dem Rabitum zu nehmen, um sich das Vorankommen zu erleichtern, verwarf diesen Gedanken jedoch sofort. Das Rabitum wurde andernorts viel dringender gebraucht. Endlich sah er vor sich am Rande der Lawine seine Freunde mit dem Pferdewagen. Sie waren damit beschäftigt, diverse Hilfsmittel abzuladen, die in einer Menschenkette von Hand zu Hand weitergegeben wurden, deren Ende man hinter den Schneebergen nur erahnen konnte. Als Rofibald ihn entdeckte, lief er sofort auf ihn zu und fragte leise: „Hast du meine Nachricht erhalten und kannst du uns helfen?“
„Ja!“ raunte Querbur. „Meine Schwester hat mich auf eine Idee gebracht und dafür bin ich ihr sehr dankbar! Die Lösung unseres Problems kann der Schneefresser sein. Es gibt nur ein Problem. Er kann in kürzester Zeit viel Schnee zum Verschwinden bringen. Es besteht aber trotzdem noch Gefahr für das Dorf, denn die Schachtdeckel und Gullys müssen vorher vom Schnee befreit sein, sonst wird die Lawine von einer Überschwemmung abgelöst. Das wäre mindestens genauso schlimm!“
„Wir haben noch etwas Rabitum!“, antwortete Odio. Das können wir doch für die Gullys nutzen, um dort vorrangig die Schächte freizubekommen. Oder was denkst du?“
„Ja, macht das. Wir schauen, wie weit ihr kommt. Der Schneefresser kann erst morgen eingesetzt werden. Bis dahin haben wir auch noch etwas mehr Rabitum. Aber sag mal, müsst ihr euch nicht auch noch um die Geschenke und die Schlitten kümmern?“
* * *
Martha fühlte sich plötzlich überflüssig und wusste nicht mehr, was sie noch tun konnte. Im Dorf war alles Organisatorische vorerst erledigt und alle Bewohner, die noch auf den Beinen waren, wuselten wie Ameisen herum. Martha fühlte sich dahinschrumpfen und kleiner und kleiner werden. Sie wollte schon fast losweinen und verdrückte schnell eine kleine Träne, während sie hoch oben am Himmel Utila mit ihren Schwestern fliegen sah. Auch sie hatten ihre Aufgaben und wussten was zu tun war. Nur sie selbst plötzlich nicht mehr. Sie wünschte, Odio wäre jetzt bei ihr. Und während sie herumstand, ihre Tränen zurückhielt und grübelte, fiel ihr mit einem Schlag ein Buch über Wassermagie ein, in dem sie seinerzeit als Bibliothekarin gelesen hatte und das noch immer in der Dorfbibliothek liegen musste. Wahrscheinlich war es zu rein gar nichts nütze, und Querbur würde nur lachen, wenn er es sah. Das konnte sie aber nur herausfinden, wenn sie mit dem Buch zu ihm ging und es ihm zeigte.
Sie rannte in ihr Haus, nahm den Zweitschlüssel zur Bibliothek vom Schlüsselbrett und eilte die Straße hinunter, so schnell sie konnte. In der Bibliothek schlich sie im Schein der Taschenlampe zu dem Regal, in dem sie das Buch vermutete, und siehe da, es lag noch immer an der gleichen Stelle. Martha hob es mit Mühe vom Regalbrett herunter, pustete den angesammelten Staub vom Einband und stopfte es in ihren kleinen Rucksack, in den es gerade so hineinpasste. Mit der für sie recht schweren Last machte sie sich fest entschlossen auf den Weg zu Querburs Eiche. Alles war momentan besser, als unnütz in der Gegend rumzustehen…
* * *
Nachdem er die ersten Pakete in das am schlimmsten betroffene Gebiet geflogen hatte, landete Nattoralik in diesem Moment am Rande der Lawine. Sofort wurde er umringt von den Helfern, die sehen wollten, ob er vielleicht irgendeine Nachricht aus dem verschütteten Dorf mitgebracht hatte. Die Pakete waren abgeladen, also musste ihn ja dort jemand in Empfang genommen haben. Neugierig schauten die Männer, ob sie irgendwo einen Zettel oder etwas ähnliches finden konnten, aber es war nichts zu sehen. Ein wenig Enttäuschung machte sich auf ihren Gesichtern breit. Sie hatten gehofft, Informationen aus dem Nachbardorf zu bekommen. Als sie sich gerade wieder abwenden wollten, gab Nattoralik einen spitzen Schrei von sich, fuhr sich mit dem Schnabel in sein dichtes Gefieder und holte ein sorgfältig zusammengeschnürtes Stück Papier hervor. Er legte es vor sich ab und Rofibald öffnete die Schnur, entfaltete das Papier und las den Umstehenden laut vor, was in der Nachricht stand:
„Danke für eure Hilfe! Wir sind verschüttet, aber alle so weit gesund. Allerdings drücken die Schneemassen auf Wände und Dächer und wir wissen nicht, wie lange die Häuser standhalten werden. Könnt ihr mit dem Adler ein paar Schaufeln schicken?“
Erleichtert schauten sich alle in der Runde an. Zum Glück war niemand verletzt! Jetzt galt es, die Hilfe weiter zu koordinieren.
Während Heinrich und Josef dabei waren, ein paar Schaufeln zusammenzusuchen, wandte sich Odio an Querbur: „Was denkst du, sollte ich mit Nattoralik das Rabitum in den verschütteten Teil des Dorfes bringen und mit den Leuten dort beginnen, die Gullys freizumachen? Es muss eh getan werden, bevor wir das mit dem Schneefresser probieren können, und mit dem Adler bin ich auch schon geflogen.“
Alle waren sich schnell einig und beluden den Adler mit den Schaufeln. Gleich danach kletterte Odio wieder auf den Rückendes Vogels und schon setzte dieser erneut zum Start an.
* * *
Tytola, die sich ebenfalls einen Überblick verschaffen wollte, flog hinweg über den ersten Hilfstrupp, der emsig am Schaufeln war, aber offensichtlich nur mühsam und langsam voran kam. Zwischen den mit Schnee beladenen Häusern sah sie eine freie Stelle, die anscheinend von der Lawine verschont geblieben war. Dort befand sich eine Art Lager. Hier mussten die Dorfbewohner Dinge aus den Häusern zusammengetragen haben. In der Mitte stand eine Tonne, in der ein Feuer loderte. Von den Dorfbewohnern konnte sie allerdings niemanden sehen. Sie hörte jedoch aufgeregte Stimmen aus einem der Häuser.
„…Häuser halten noch stand, aber der Schuppen neben dem Kuhstall ist eingestürzt! Und Laurin und sein Kätzchen habe ich immer noch nicht gefunden!“.
Tytola ahnte, dass die Zeit knapp wurde und flog deshalb schnell zurück. Sie überbrachte ihre Neuigkeiten und erfuhr, dass Nattoralik bereits mit Hilfsgütern im Dorf gewesen war. Das mussten die Sachen gewesen sein, die sie an der Feuerstelle gesehen hatte. Von dem teilweise eingestürzten Schuppen war in der Nachricht, die Nattoralik überbracht hatte, aber noch nicht die Rede gewesen.
Deshalb machte sich Tytola mit Utila und Tamina schnell auf den Weg zu Querburs Eiche, um das letzte Rabitum abzuholen, das Quirbana noch hergestellt hatte.
Um gut durch die Nacht zu kommen, wurde die bereits errichtete Feuerstelle neben dem Wagen von Bauer Brix noch einmal mit mitgebrachtem Feuerholz aufgefüllt. Zur Übernachtung hatten die Männer eine große Plane mit einigen dünnen Baumstämmen in ein Zelt verwandelt, das sie direkt neben der Feuerstelle aufstellten.
Querbur zog sich anderweitig zurück. Er holte die mitgenommenen Utensilien aus seiner Tasche, um verschiedene Mischungen herzustellen, die er für den Zauber benötigte. Gerne hätte er auch einen Test durchgeführt, aber das war zu gefährlich. Am nächsten Tag würde sich zeigen, ob der Zauber die erwünschte Wirkung haben würde. Als er alles vorbereitet hatte, ging er zurück zu den Anderen, um noch ein wenig zu schlafen.
* * *
Noch bevor die Dunkelheit hereinbrach, erreichte auch Martha ihr Ziel – Querburs Eiche. Ohne dass sie sich bemerkbar machen musste, öffnete sich die Baumwurzeltür wie von Zauberhand. Fast wurde sie von einem Wesen mit roten Locken umgerannt.
Quirbana sprang vor Schreck zurück und starrte mit großen Augen Martha an. Martha starrte mit ebenso großen Augen und entgeistertem Blick zurück. Als hätte sie ihre Gedanken laut kundgetan, entschuldigte Quirbana ihr unachtsames Verhalten damit, dass sie mit niemanden gerechnet habe. Wieder trafen sich ihre Blicke und plötzlich brachen beide in schallendes Gelächter aus. Irgendwie fühlten sie sich sofort miteinander vertraut. Quirbana bat Martha ins Haus, nachdem diese nach Querbur gefragt hatte. Drinnen stellten sie sich einander vor. So erfuhren beide etwas über die Familie der jeweils anderen. Dann erzählten sie sich, was nach der Lawine bis jetzt passiert war und weshalb Martha den Weg zur Eiche auf sich genommen hatte. Nachdem Quirbana sie mit heißem Tee versorgt und sie sich an den wärmenden Kamin gesetzt hatten, übergab ihr Martha das Buch der Wassermagie.
Quirbana blätterte etwas versonnen darin herum. Plötzlich hielt sie inne und las mit großem Interesse ein zweites Mal die aufgeschlagene Seite, bis sie von einem Geräusch außerhalb des Baumes abgelenkt wurde.
Sie stand auf, ging zur Tür und öffnete sie einen Spalt breit. Sofort erkannte sie in der Dämmerung die drei Eulen. Diese kamen mit ihren Erklärungen zügig zur Sache, denn sie wollten sich so schnell wie möglich mit dem Rabitum wieder auf den Weg zu den Anderen machen. Quirbana bat sie trotzdem, kurz innezuhalten. Während sie die Tür weiter öffnete, um Tytola, Utila und Tamina hereinzulassen, entdeckten diese Martha im hinteren Teil des Baumes. Fragend schauten sie zu ihr hinüber. Während Quirbana die verschnürten Päckchen mit den mit Rabitum gefüllten Ampullen hervorholte, erklärte sie den Eulen, dass Martha ihr ein interessantes Buch vorbeigebracht habe und sie sich damit auch auf den Weg zu Querbur machen würden. Sie habe etwas gelesen, von dem sie der Meinung sei, dass es beim Kampf gegen die überwältigenden Schneemassen von großer Hilfe sein könne. Sie wolle jedoch mit Martha den frühen Morgen abwarten, da es inzwischen zu dunkel geworden sei. Da die Eulen mit der Dunkelheit keine Probleme hatten, brachen sie kurz darauf mit dem Rabitum auf. Sie würden Quirbanas und Marthas Erscheinen auf jeden Fall schon für den morgigen Tag ankündigen.
* * *
Der nächste Morgen brach an. Querbur war früh auf den Beinen und auch die Anderen wollten so schnell wie möglich weitermachen. Die Eulen waren in der Nacht noch eingetroffen und hatten das Rabitum übergeben. Der Trollmagier bahnte sich mit der geringen Menge, die er für sich entnommen hatte, einen schmalen Weg zur schneefreien Stelle in der Mitte der Lawine. Dort angekommen traf er auf Odio, der die Nacht in einem der Häuser verbracht hatte, die unter den Schneemassen ächzten. Er berichtete, wie es momentan um die Gebäude ringsum stand und dass der kleine Junge, der am Abend zuvor noch vermisst wurde, mitsamt seinem Kätzchen wieder wohlbehalten bei seinen Eltern war. Diese hatten ihn nach aufgeregter Suche zusammengekauert hinter dem teils eingebrochenen Schuppen gefunden und freigeschaufelt. Er hatte das in seinen Armen zitternde Kätzchen beschützt. Kurz darauf war der Schuppen eingestürzt.
Als er sich noch einmal kurz umsah, entdeckte Querbur mehrere Gullys, die vom Schnee befreit waren. Er holte die vorbereiteten Mischungen aus seiner Tasche und bat Odio, sie für einen Moment zu halten. Dann legte er aus Steinen, die er seinem Mantelinneren entnahm, einen Kreis. In die Mitte des Kreises stapelte er drei Häufchen mit kleinen Ästen, die er ebenfalls aus seinem Mantel hervorholte. Diese mussten nun mit den Mischungen beträufelt werden, die Odio ihm vorsichtig zurückgab.
Nachdem er alle Vorbereitungen getroffen hatte, bat Querbur alle, die in der Nähe waren, sich so weit wie möglich zurückzuziehen. Er träufelte nun einen kleinen Teil seiner Tinkturen auf die drei Ästestapel, malte mit einem größeren Ast ein paar Zeichen zwischen Steine und Holz und begann kreisende Bewegungen zu machen, als wolle er eine Spirale in den Himmel malen. Dabei sprach er die Formel, die er im Zauberbuch gefunden hatte: „Foluna komdu vatna öflugum!“. Er wiederholte seine kreisenden Bewegungen und sprach weiter: „Atolum tubur alvegum!“. Diesen Vorgang wiederholte er jeweils dreimal. Er legte den Ast vor den Steinkreis und trat drei Schritte zurück. Alle ringsherum waren mucksmäuschenstill. Es schien, als halte jeder den Atem an.
Die kleinen Holzstapel begannen, leichte Rauchwölkchen zu entwickeln, die nach oben stiegen. Ein paar Meter über dem Boden fingen sie an, sich zu verbinden und spiralförmig weiter in den Himmel aufzusteigen. Im Bereich des Steinkreises fing der Schnee zu schmelzen an. Wenige Augenblicke später verpuffte die Rauchspirale wie aus dem Nichts und gleichzeitig erloschen die Holzhäufchen. Wäre nicht der Schnee um den Steinkreis herum weggeschmolzen, hätte man meinen können, es wäre nichts geschehen.
Querbur stand ratlos da. „Warum funktionierte es nicht? Ich habe doch alles genau so gemacht, wie es in dem Zauberbuch stand?!“
Er versuchte es ein zweites Mal. Mit dem gleichen Ergebnis. Verzweifelt holte er das Papyrus hervor und begann es erneut zu studieren. „Fehlt vielleicht doch etwas?“, fragte er halblaut vor sich hin. Weit hinter sich hörte er plötzlich eine vertraute Stimme seinen Namen rufen. Er drehte sich um und sah seine Schwester zusammen mit Martha durch den Schnee stapfend auf sich zukommen. Obwohl die Eulen sie in der Nacht bereits angekündigt hatten, war er sehr froh, sie zu sehen und erhoffte sich nun ihre Unterstützung.
Querbur begrüßte Martha und Quirbana mit herzlichen Umarmungen. Seine Schwester merkte sehr schnell, dass ihn etwas bedrückte und hörte aufmerksam zu, als dieser ihr von seinem bisherigen Vorgehen berichtete.
„Dass Martha mit dem Buch zu uns gekommen ist, das muss eine Vorsehung gewesen sein!“, antwortete Quirbana daraufhin mit aufgeregtem Blick. Sie ließ sich das Buch von Martha geben, die es bereits aus ihrem Rucksack hervorgeholt hatte. Schnell blätterte sie zu der markierten Seite und zeigte sie ihrem Bruder.
„Schau mal, wer die Verfasserin dieses Textes ist!“ Querburs Blick folgte dem Zeigefinger seiner Schwester zur untersten Zeile auf der Seite.
„Agna Quasina! Unsere Mutter! Sie hat ihr Wissen vielen Magieschülern weitergegeben. Sie war nicht nur eine Großmeisterin der Magie. Sie hatte auch ein unglaublich großes Herz! Welch ein Glück für uns, dass wir nun dieses Buch zur Hand haben!“
Querbur und Quirbana umarmten sich freudestrahlend und warfen Martha dankbare Blicke zu. Daraufhin zogen die Geschwister sich in eine ruhige Ecke zurück, um ihr weiteres Vorgehen ungestört planen zu können.
„Jetzt ist alles klar. Und ich bin etwas beschämt, dass ich mein Vorgehen nicht bis zum Ende durchdacht habe.“, sagte Querbur wenig später zu seiner Schwester.
„Natürlich funktioniert die Formel nur für wenige Augenblicke, wenn das Tauwasser keine Möglichkeit zum Abfließen hat! Eine Katastrophe würde die andere nur ablösen. Wie konnte ich nur so dumm sein?“
„Du bist nicht dumm, Bruder! Ganz und gar nicht! Es war bestimmt nur der Stress und die Sorge, die dich abgelenkt haben. Außerdem sollte wohl alles genau so kommen. Wir sollen das Dorf gemeinsam mit unserem Zauber retten. Meinst du nicht?“
„Ja, da hast du wohl Recht. Was bist du nur für eine kluge und weitsichtige kleine Schwester!“
Die Beiden beeilten sich nun, den dritten und letzten Versuch mit dem Schneefresser so schnell wie möglich durchzuführen und die Formel für die Wassermagie anzuschließen, damit jetzt alles ein schnelles und gutes Ende nehmen konnte.
Querbur beträufelte die Asthaufen nun zum dritten Mal, setzte mit seinen kreisenden Bewegungen ein und sprach erneut die Zauberformel. „Foluna komdu vatna öflugum!“ Wieder führte er die kreisenden Bewegungen mit dem Ast aus und ließ ihnen mit deutlicher Stimme den zweiten Teil der Formel „Atolum tubur alvegum!“ folgen.
Nach der dritten und letzten Wiederholung schaute er seine Schwester an und nickte ihr zu. Quirbana hatte inzwischen zwei Hände voll Schnee zu einer kleinen Kugel geformt, hielt sie über den Steinkreis und sprach laut die Formel aus dem Buch: „Ketani rasega aquesum hetoso!“
Im gleichen Moment begannen sich wieder Spiralen aus Rauchwölkchen in den Himmel zu erheben. Dieses Mal stiegen sie höher und höher. Nach dem letzten Wort, das Quirbana sprach, hielt sie die Schneekugel direkt in die aufsteigenden Rauchwolken, wobei die Kugel zu schmelzen begann, die Wassertropfen jedoch nicht zu Boden fielen, sondern sich mit den Rauchwolken verbanden und mit in die Lüfte aufstiegen.
Nun war alles getan. Jetzt konnten sie nur noch abwarten, was passierte. Gespannt schauten alle gen Himmel und konnten mit ansehen, wie hoch oben die Rauchwolken langsam vom Winde erfasst wurden und größere Kreise zogen, die sich nunmehr immer mehr über das Dorf und die Schneelawine verteilten. Sie sanken wieder ab und alle konnten zusehen, wie der Schnee zu schmelzen begann, noch bevor die Rauchwolkenkreise ihn berührten. Nach und nach taute aller Schnee von Hausdächern, Bäumen, Straßen und wo die Lawine ihn sonst noch verteilt hatte. Viel von dem entstandenen Wasser lief nun wie geplant in die frei gemachten Gullys. Der andere, weitaus größere Teil lief jedoch, ohne irgendwelche weiteren Schäden anzurichten, hinaus aus dem Dorf, als gäbe es plötzlich ein geführtes Wasserbett. Quirbana und Querbur wussten, wohin die Reise der Wassermengen ging – nämlich in einen nahegelegenen Fluss. Die Zauberformel aus dem Buch der Wassermagie hatte die Wassertropfen aus dem Schneeball in einen Gedankenträger verwandelt, der dafür sorgte, dass es keine Überschwemmung geben, sondern alles überflüssige Wasser sich auf den Weg in den Fluss machen würde.
Die restliche Hilfstruppe war in dieser Zeit auch nicht untätig gewesen. Sie hatte den noch übrigen Teil des Rabitums genutzt, um die Schneise zum Dorf größer zu machen, so dass nun selbst der Pferdewagen bequem hindurch kam.
Rofibald setzte sich, nachdem sie nicht mehr gebraucht wurden, sofort mit dem Chef über seine Rufwurzel in Verbindung und besprach, wie die noch verbleibenden Weihnachtsvorbereitungen am schnellsten erledigt werden konnten. Nach dem Gespräch zog er gemeinsam mit den drei Eulen, Lente, Pussili und Josef sofort los.
Nachdem auch der letzte Schnee verschwunden war, konnten die Dorfbewohner erkennen, dass es zwar einige Schäden an verschiedenen Häusern und Schuppen gab, aber nichts weiter eingestürzt und augenscheinlich alles reparabel war. Dadurch, dass alle zusammengehalten und sich gegenseitig geholfen hatten, gab es glücklicherweise auch keine Verletzten. Sichtlich erleichtert umarmten sich viele. Einige brachen in Tränen aus. Alle Helfer, die noch vor Ort waren, begannen sofort bei den Aufräumarbeiten zu helfen, damit in dem Dorf schnellstmöglich wieder Normalität einziehen konnte. Nicht zuletzt, weil das Weihnachtsfest unmittelbar bevor stand.
Querbur war sehr stolz auf seine Schwester und wusste nun, was für ein Geschenk er ihr am Weihnachtsabend machen konnte.
Als auch die letzten Aufräumarbeiten erledigt waren, rüstete man sich für den Rückweg. Weihnachten stand vor der Tür und es galt noch viel zu erledigen und letzte Vorbereitungen abzuschließen.
Alle Bewohner des lawinengeplagten Dorfes hatten sich zum Abschied an Querburs mittlerweile erloschener Feuerstelle versammelt. Bauer Brix stand neben seiner Tochter und seinem Schwiegersohn und hatte seinen Enkel Laurin und dessen kleines Kätzchen auf dem Arm. Die noch verbliebenen Helfer wurden mit Dankesworten und Umarmungen überhäuft und unter Tränen verabschiedet, die dieses Mal aber Zeichen der Freude und Zuneigung waren. „Habt Dank für alles!“, sagte der Dorfälteste nun im Namen aller. „Eurer Hilfe ist es zu verdanken, dass wir keine Verletzten zu beklagen haben. Es hat sich gezeigt, wie wichtig nachbarschaftliche Hilfe und Zusammenhalt sind.“
Daraufhin ergriff Heinrich das Wort: „Das war für uns eine Selbstverständlichkeit. Wir lassen niemanden in seiner Not allein. Wir laden euch alle an Heiligabend zu Kaffee und Stollen in unser Gemeindehaus ein.“
Das hatte Heinrich natürlich nicht allein entschieden, sondern vorher mit seinen Freunden beschlossen. Die Bewirtung würde kein Problem sein, wussten sie alle doch, wie reichlich die Tische jedes Jahr gedeckt waren. Voller Freude wurde die Einladung angenommen. Unter Winken und guten Wünschen für den Rückweg machte der Hilfstrupp sich schließlich auf den Heimweg.
Als die müden Helfer im Wald bei der Scheune vorbei kamen, staunten sie nicht schlecht. Dort stand der Schlitten, herausgeputzt mit frischem Tannengrün und geschmückt mit Girlanden. Lente, Pussili und Josef waren dabei, die letzten Geschenkesäcke sicher zu verstauen. Sie hatten sich in ihrem Fleiß selbst übertroffen und waren nun sichtlich stolz. Mit vereinten Kräften wurde kurz darauf der Schlitten in den Schuppen geschoben und Josef verschloss das Tor ordentlich. Nun liefen alle gemeinsam das letzte Stück bis hinunter ins Dorf. Dort wurde der Wagen von Bauer Brix abgeladen. Lotte bekam eine extragroße Portion Hafer und konnte sich nun endlich in ihrem Stall von den Strapazen erholen. Bauer Brix waren die Strapazen deutlich anzusehen. Er verabschiedete sich von den Anderen, die kurz darauf in Heinrichs und Emilias Haus vom Duft heißer Hühnersuppe empfangen wurden. Alle waren mittlerweile nicht nur müde, sondern auch hungrig und durstig. Deshalb machten sie sich mit Freude über das von Emilia und Naya reichlich aufgetragene Abendbrot her. Bei Kräutertee unterhielten sie sich anschließend, immer noch aufgewühlt von den Ereignissen, über die magischen Kräfte, die Querbur und seine Schwester Quirbana vereint walten lassen hatten. Sichtlich stolz legte Querbur den Arm um seine Schwester und berichtete den Freunden von den letzten Monaten, die die Geschwister in der Eiche mit der Magierausbildung zugebracht hatten. Dann wurde sein Gesicht plötzlich ernst.
„Nun habt ihr meine wunderbare kleine Schwester gerade erst kennengelernt“, sagte er in die Runde. „Schon bald ist es für uns beide an der Zeit, weiterzuziehen. Meine Aufgaben bei euch sind nun erledigt. Ihr kommt zukünftig ohne unsere Hilfe klar. Das habt ihr gerade erst bewiesen. Ihr seid wunderbare Freunde mit großen Herzen. Gemeinsam werdet ihr für alles eine Lösung finden. Aber es gibt noch so viele andere Orte, wo meine – nein – wo unsere Hilfe gebraucht wird. Deshalb brechen wir schon morgen Abend auf. Rofibald, ich werde den Schlüssel zu meiner Eiche morgen verstecken, wenn wir losziehen. Du weißt, wohin ich ihn legen werde. Bitte kümmere dich um meine Behausung, bis ich irgendwann wieder auftauchen werde.“
„Das mache ich selbstverständlich!“, antwortete der Gnom mit Tränen in den Augen. Er lief auf den Magier zu und drückte ihn mit aller Kraft an sein Herz. Wie würde er die gemeinsamen Stunden mit dem Freund vermissen.
Die Anderen waren alle still geworden und schauten etwas bekümmert drein. Doch Querbur wollte keine Traurigkeit aufkommen lassen. Deshalb zwinkerte er seiner Schwester zu, die daraufhin von der Bank aufstand und sich an die neu gewonnenen Freundinnen und Freunde wandte:
„Ihr alle seid genauso, wie mein Bruder euch mir in den letzten Monaten mit blumigen Worten beschrieben hat. Ich fühle mich geehrt, dass ich jetzt sagen darf, dass ihr auch meine Freunde seid. Ich werde gern an euch denken und wir werden uns wiedersehen. Das verspreche ich euch. Ich möchte euch zum Abschied eine kleine Freude machen. Lasst euch überraschen. Ihr werdet wissen, was es ist, wenn ihr es seht.“
Damit gar nicht erst eine gedrückte Stimmung aufkommen konnte, erhob auch Querbur sich rasch, warf seinen Umhang um und griff nach seinem Zauberstab. Daraufhin herrschte allgemeine Aufbruchstimmung. Die Freunde besprachen noch kurz ihre Pläne für den nächsten Tag, dann schwang auch schon die Haustür auf, und bis auf Heinrich und Emilia verließen alle das Haus, umarmten einander nochmals und begaben sich dann in alle Richtungen auf den Heimweg, um endlich in ihre warmen Betten fallen und sich ausschlafen zu können.
* * *
Am Weihnachtsmorgen wurde in aller Frühe der Weihnachtsbaum auf dem Dorfplatz aufgestellt, mit Strohsternen, Lichterketten und Kugeln geschmückt, und auch das Gemeindehaus wurde für die Dorfbewohner und ihre zu erwartenden Gäste weihnachtlich hergerichtet und für den gemeinsamen Schmaus eingedeckt. Die Kinder halfen beim Tragen aller Köstlichkeiten, schippten überall Schnee und ringsum herrschte geschäftige Betriebsamkeit.
Am Nachmittag trafen die Bewohner des Nachbardorfes ein, die mittlerweile zu Freunden geworden waren. Sie wurden von allen Seiten freudig begrüßt. Der große Weihnachtsbaum leuchtete über allem mit seinen vielen goldenen Lichtern. Im Gemeindehaus bogen sich die Tische unter Weihnachtskeksen, Stollen, Kuchen und vielen anderen Leckereien. Natürlich hatten auch die Bewohner vom Nachbardorf etwas mitgebracht und nun saßen alle gemütlich beisammen, schwatzten, aßen, tranken und lachten in froher Runde.
* * *
Zur gleichen Zeit machten sich in der großen Eiche im Wald Querbur und Quirbana zum Aufbruch fertig. Querburs Schwester war sichtlich aufgeregt. Als sie gerade in ihre goldbestickten Stiefel geschlüpft war und sich ihren reich verzierten Mantel anziehen wollte, nahm sie hinter sich ein leises Summen wahr. Als sie sich umdrehte, sah sie in Querburs Händen einen edel geschliffenen rubinroten Edelstein in der Größe und Form eines Herzens. Der ganze Raum wurde jetzt in rotes Licht getaucht und das Summen schwoll an, war aber dennoch lieblich und melodisch. Querbur bat seine Schwester, in seinem Sessel Platz zu nehmen. Sie tat dies und hielt dabei den Atem an.
Querbur kniete zu ihren Füßen nieder und sagte feierlich: „Du hast deine Magierprüfung bestanden, indem du deinen Zauber und deine Intelligenz für das Gute verwendet und Leben gerettet hast. Mit Marthas Hilfe konntest du das Wasser umleiten und es zeigt, wieviel Kraft, Klugheit und Herzenswärme in dir steckt. Unsere Mutter wäre stolz auf dich und ich bin es auch! Nun bekommst du das Magierherz für deinen Zauberstab und natürlich den Schlüssel zu Mamas großem Formelbuch. Du bist eine sehr würdige Nachfolgerin und wirst eines Tages in ihre Fußstapfen treten und ihr Vermächtnis fortsetzen!“
Gerührt von Querburs Worten nahm Quirbana das Rubinherz entgegen und setzte es auf das obere Ende ihres Schlangenholz-Zauberstabes. Wie von Geisterhand drehte es sich dort, sobald sie es losgelassen hatte, ein paarmal um die eigene Achse und saß dann so fest auf dem Stab, dass es fortan keine Kraft der Welt wieder davon lösen können würde. Sachte verschwand der rote Schein und mit ihm das melodische Summen. Den Schlüssel, der an einer goldenen Kordel hing, legte Querbur ihr daraufhin um den Hals.
„Es ist schön und ein bisschen traurig zugleich, dass ich nun meine Prüfung bestanden habe“, sagte Quirbana daraufhin mit einem Kloß im Hals.
„Ja, ich weiß“, antwortete Querbur und sah sie mit leichtem Bedauern im Blick an.
„Aber es wartet noch so viel Neues auf uns, worauf wir uns schon jetzt freuen können. Sei nicht traurig. Wir werden uns immer mit Freude zurückerinnern. Und jetzt pack deine Sachen, sonst ist es zu spät für deine Überraschung, bevor wir aufbrechen.“ Für die nächste Stunde herrschte geschäftiges Treiben in der alten Eiche, die Querbur in den letzten Jahren sein Zuhause genannt hatte.
* * *
Das Gemeindehaus leerte sich langsam, denn die Dorfbewohner und ihre Gäste strebten zum Dorfplatz, um sich allesamt rundum die wunderschöne Weihnachtstanne zu versammeln. Groß und Klein war nun auf den Beinen. Die Kinder tobten schon wieder am Rande und bewarfen sich mit Schneebällen. Mitten unter ihnen sprang Wopsi fidel herum und versuchte den einen oder anderen Schneeball zu zerbeißen. Lachend sahen Michel, Finn, Atana und Lisa ihm dabei zu. Die Kinder waren sehr stolz auf das, was sie gemeinsam mit den Erwachsenen im Nachbardorf an Hilfe geleistet hatten. Ihre Eltern waren des Lobes voll gewesen, als alle wieder zuhause angekommen waren.
Plötzlich verfärbte sich der Himmel golden und ein Klingeln und ein lautes Ho, Ho, Ho waren zu hören. Die Luft schien zu vibrieren. Mit sanftem Schwung setzte kurz darauf der Schlitten mit dem Weihnachtsmann, gezogen von Grinsebacke, neben der Menschenansammlung auf. Nun versammelten sich die Kinder voller Aufregung davor und bewunderten das prächtig beladene Gespann. Der Weihnachtsmann stieg ab, gab Grinsebacke eine riesige Handvoll Futter und begann dann, die Kinder namentlich aufzurufen, um sie ein Gedicht aufsagen oder ein Lied singen zu lassen und ihnen daraufhin mit herzlichen Worten ihre Geschenke zu überreichen. Freudestrahlend liefen die Kinder zurück zu ihren Eltern. Als alle Geschenke verteilt waren, setzte sich der Schlitten wieder in Bewegung, wieder erklang ein Ho, Ho, Ho und der Weihnachtsmann machte sich auf den Weg zu den anderen Kindern. Als er am Himmel immer kleiner wurde und schließlich ganz verschwunden war, erklangen aus der Kirche, deren Türflügel weit offen standen, die ersten Töne der Kirchenorgel. Sofort fingen alle Umstehenden an, sich an den Händen zu nehmen und in die Musik einzustimmen. Ihre Stimmen vermischten sich mit den Orgelklängen zu einem wunderschönen Weihnachtslied.
Gerade, als die letzten Töne verklangen, begann plötzlich ein Feuerwerk hoch oben am Himmel, wie die Dorfbewohner und ihre Gäste es noch nie zuvor gesehen hatten. Es zischte, funkelte und leuchtete gleichzeitig in prächtigen Farben. Sternenblitze, die aus dem Wald oberhalb des Dorfes zu kommen schienen, schossen in die Höhe. Sie zerplatzten und regneten als Süßigkeiten in Form von Herzen, Weihnachtssternen, Tannenbäumchen, Schokonüssen und Engeln an kleinen, rot-goldenen Fallschirmchen auf die staunenden Menschen herab. Jung und Alt jubelte und klatschte und fing die Süßigkeiten mit glückseligem Lachen auf.
Etwas im Hintergrund standen Rofibald-Geruwim, Odio Nix, Heinrich und Josef in einer Gruppe beisammen. Mit grinsenden Gesichtern sahen sie sich an und nickten sich zu. Es brauchte keine Worte. Sie wussten, wer diesen Zauber über das Dorf gebracht und das Weihnachtsfest in diesem Jahr wieder um ein ganz besonderes Ereignis bereichert hatte…
– ENDE –
