4. Geschichte
2020 – 2021
Der geheimnisvolle Schneemann
Weihnachten
Rofibald ist verschwunden, nur seine Rufwurzel und seine Kiepe wurden gefunden. Nicht nur die Dorfbewohner suchen ihn, sondern auch Lumiokko, der aussah wie ein Schneemann in Riesengröße. Würden sie ihn finden? Und was genau hat es mit diesem Lumiokko eigentlich auf sich?
Der geheimnisvolle Schneemann
Episode 1 (von Co-Rona)
Am späten Nachmittag hatte Heinrich sich auf den Weg zum Tannenwald gemacht, um nach dem Rechten zu sehen und etwas Feuerholz zu sammeln.
Emilia und Martha standen schon den ganzen Tag in der Küche und buken herrlich duftende Stollen. Josef und Odio Nix saßen plaudernd im Wohnzimmer, tranken heißen Wintertee und planten, wie sie Weihnachten verbringen wollten. Emilias Kinder, Michel und Lisa, spielten draußen im Schnee mit Finn und seinem kleinen Hund Wopsi. Im ganzen Dorf hatte heute reges Treiben geherrscht. Alle bereiteten sich auf Weihnachten vor. Die Freude darüber, dass es geschneit hatte, war auch groß gewesen. Selbst Odio und Martha waren erfreut darüber, denn letztendlich hatte der Schnee ihrer Liebe viel Glück gebracht. Langsam wurde es Abend. Die Dämmerung brach herein und im Dorf kehrte allmählich Ruhe ein.
Heinrich war nun auch endlich fertig, schulterte seine Kiepe mit dem Holz und trat den Heimweg an. Plötzlich schob sich eine dichte Nebelwand heran. Wie graue, lange Finger waberten die Nebelfetzen auf ihn zu. Viel zu schnell, fand Heinrich. Argwöhnisch starrte er in den Wald hinein. Nach so einem sonnigen, kristallklaren Tag war es etwas ungewöhnlich, dass wie aus dem Nichts ein undurchdringlicher Nebeldunst herantrieb.
Heinrich drehte sich um und folgte dem Trampelpfad zurück. Immer wieder blickte er hinter sich und sah, dass sich der Nebel immer schneller heranschob. Ihm wurde es langsam angst und bange, deshalb begann er zu rennen. Aber das Holz war viel zu schwer. Er schnaufte und schwitzte, als er bemerkte, dass er sich längst gar nicht mehr auf dem Pfad befand. War es wirklich möglich, dass er sich verlaufen hatte?
„Heinrich!“, rief Emilia in den Wald hinein. Sie war zum Waldrand gelaufen, weil sie sich langsam Sorgen machte. Die Dämmerung war bereits fortgeschritten. So lange war er noch nie fort gewesen. Sie schwenkte die Taschenlampe hin und her, in der Hoffnung, ihm so den Weg weisen zu können, falls er davon abgekommen war.
Beunruhigt stapfte sie nun ein Stück den Pfad hinauf und rief immer wieder seinen Namen. Ehe sie sich versah, war sie längst im Wald drinnen. Plötzlich erscholl eine Antwort. „Hier!“
Heinrich klang sehr ängstlich und erschöpft. Sehen konnte Emilia ihn noch nicht, als plötzlich eine Nebelwand im rasanten Tempo heraneilte. Sie war sehr erschrocken, da sie so etwas noch nie zuvor gesehen hatte. Doch da tauchte plötzlich aus dem Dickicht Heinrich auf. Voller Panik kam er ihr entgegen.
„Nichts wie weg hier! Irgendetwas stimmt hier nicht!“
Er packte ihre Hand und beide liefen los. Doch der Nebel hatte sie bereits eingeholt und umschlossen. Sie sahen nichts mehr außer dem undurchdringlichen weißgrauen, wabernden Dunst. Nun waren sie beide vom Pfad abgekommen.
„So weit bin ich doch gar nicht in den Wald hinein.“, wimmerte Emilia. „Wir können uns unmöglich so sehr verirren. Es waren nur ein paar Schritte.“
„Ich weiß auch nicht, wie das sein kann.“ Heinrich war ratlos. Aneinander geschlungen stapften sie vorsichtig voran und suchten den Boden nach dem Weg ab.
Aus dem Nebelschleier schälten sich wie dunkle Riesen die Baumstämme hervor. Emilia stolperte plötzlich über einen Ast, den sie gerade wegkicken wollte, als Heinrich rief: „Sieh mal, die Form kommt mir bekannt vor!“
Emilia bückte sich, um den kleinen Ast besser erkennen zu können, da der Nebel die Sicht verschleierte. „Tatsächlich!“, stieß sie heftig atmend hervor. Sie hob den kleinen Stock auf und beide erkannten nun, was es war. Rofibalds Rufwurzel!
Wie war das möglich? Irgendetwas musste passiert sein, denn einfach so würde Rofibald niemals im Leben seine Rufwurzel verlieren. Er hütete sie, wie seinen Augapfel.
Plötzlich ertönte lautes Rauschen und Getöse. Der Nebel stob wie ein Vorhang auseinander, und wie eine riesige weiße Wand hob sich ein gigantischer Schneeberg empor, der sich auf sie zu bewegte. Heinrich und Emilia schrien aus vollem Halse. Schnell packte Heinrich seine Frau und sie rannten los. Sie rannten, wie nie zuvor in ihrem Leben. Da tauchte unvermittelt der Weg auf. Sie hetzten darauf zu, stolperten aus dem Wald hinaus und hinunter ins Dorf zum Haus. Voller Schnee und mit Angst in den Augen platzten sie zur Tür hinein. Josef, Odio und Martha sprangen erschrocken herbei.
„Was ist passiert?“, riefen sie fast gleichzeitig.
„Rofibald muss etwas zugestoßen sein. Wir haben seine Rufwurzel gefunden.“, schnaufte Emilia erschöpft.
„Und ein gigantischer Riesenschneemann stapft durch den Wald.“, fügte Heinrich hinzu, aber Emilia fiel ihm ins Wort: „Nein, es war ein Monster, ein gewaltiges, riesiges Schneemonster. Und es kommt hinunter ins Dorf!“
Episode 2 (von Lesenbiene)
Nun sprachen und fragten alle durcheinander. Endlich verschaffte sich Odios Frau Martha Gehör und rief: „Ein riesiges Schneemonster? Was soll das denn sein? Sicher hat euch der Nebel mit seinen heftigen Nebelschleiern getäuscht. In so dichtem Nebel nehmen Bäume und Sträucher schon mal skurrile Formen an. Ich mache uns jetzt erst mal einen heißen Tee, denn ihr seid ja richtig durchgefroren.“
Bei Tee und Keksen setzten sich alle zusammen. So langsam beruhigten sich Heinrich und Emilia, doch im Stillen machten die beiden sich so ihre Gedanken. Sollte es wirklich nur eine Sinnestäuschung gewesen sein?
„Wir haben Rofibalds Rufwurzel gefunden. Das ist nun wirklich nicht unserer Fantasie entsprungen.“, meinte Heinrich. „Ich würde vorschlagen, morgen suchen wir alle gemeinsam nach Rofibald.“
In Gedanken hatte er auch den Plan, nach Spuren der gruseligen Schneegestalt zu schauen, denn er konnte sich nicht mit dem Gedanken abfinden, dass sich seine Fantasie einen Scherz mit ihm erlaubt haben sollte. Er hatte die Gefahr doch förmlich im Nacken gespürt. Schließlich verabschiedeten sich alle voneinander. Sollte Rofibald wirklich bis morgen Nachmittag noch nicht wieder aufgetaucht sein, wollten sie sich nach getaner Arbeit am Waldrand treffen, um nach ihm zu suchen.
Nach einer unruhigen Nacht plante Heinrich, sich nach der Arbeit allein auf den Weg in den Wald zu machen. Flüsternd diskutieren er und Emilia dies beim Frühstück miteinander, denn bevor sie nicht ganz sicher waren, wollten sie Michel und Lisa nicht damit überraschen, dass Emilia ein Kind unter dem Herzen trug. Noch weniger wollte Heinrich jedoch Mutter und Kind in Gefahr bringen, deshalb bat er Emilia, zuhause auf seine Rückkehr zu warten. Zärtlich küsste Emilia ihren Heinrich und meinte dann: „Ich bin zwar schwanger, aber nicht krank. Du musst mich also nicht in Watte packen!“
Schließlich machten die beiden sich am Nachmittag gemeinsam auf den Weg in Richtung Wald.
Schon den ganzen Tag hatte die Sonne von einem strahlend blauen Himmel geschienen und der Schnee wie Diamanten geglitzert. Am Waldrand warteten Josef, Odio Nix und Martha bereits. Alle zusammen beschritten sie nun den Waldpfad. Nichts war mehr vom Nebel zu sehen, doch je dichter sie in den Wald kamen, umso dunkler wurde es. Heinrich konnte keine Fußspuren entdecken. Seine nicht und auch keine von einem Monster. Plötzlich blieb Josef ruckartig stehen. Er rief die anderen heran und wies auf Rofibalds umgekippte Kiepe, die im Schnee lag. Hier stimmte doch etwas ganz und gar nicht! Sie begannen nach Rofibald zu rufen. Das Echo der Berge brachte ihre Rufe zurück, doch von Rofibald selbst war nichts zu sehen oder zu hören. Plötzlich durchbrach ein Klingeln ihre Rufe und Heinrich merkte, dass es aus seiner Jackentasche kam. Er griff hinein und holte Rofibalds klingelnde Rufwurzel hervor. Zögernd nahm er das Gespräch an und hörte nun die mächtig dröhnende Stimme vom Chef: „Rofibald, wo bist du? Wo treibst du dich rum? Die Säcke mit deinen eingesammelten Geschenken fehlen und du bist in Zeitverzug!“
Heinrich räusperte sich und sagte: „Ich bins, Heinrich. Wir haben gestern Abend Rofibalds Rufwurzel gefunden und sind jetzt im Wald, um nach ihm zu suchen. Gerade haben wir auch seine Kiepe gefunden, doch von Rofi ist nichts zu sehen und wir machen uns Sorgen.“
Der Chef klang ebenfalls beunruhigt. Mit besorgter Stimme sagte er: „Zu trödeln ist nicht Rofibalds Art, und seine Rufwurzel trägt er sonst immer bei sich. Ich schicke euch Tytola, Tamina und Aurelia. Sie sollen das Gebiet überfliegen und von oben Ausschau nach Rofibald halten.“ Dann legte er auf.
Nach dem Gespräch, das die anderen mit besorgten Mienen mitverfolgt hatten, ging die Suche nach Rofibald weiter. Immer tiefer ging es in den Wald hinein. Doch alles Rufen blieb ohne Erfolg. Keine Spur fanden sie vom Zwerg, dafür wuchs ihre Sorge immer mehr. Plötzlich war am Himmel ein dreifaches „Uhu“ zu vernehmen. Eifriges Flügelschlagen und weitere Rufe signalisierten ihnen, den Schleiereulen zu folgen.
Kurz darauf kamen sie auf eine Waldlichtung. Die drei Eulen hatten Platz auf einer niedrigen Tanne genommen. Wie gebannt starrten nun alle auf riesige Fußabdrücke im Schnee. So große Füße hatte kein Mensch und von einem Tier konnten sie eigentlich auch nicht stammen. Heinrichs Blick traf den von Emilia und ihnen war sofort klar, dass die Vorkommnisse in der Nebelwand, die Nebelfetzen und das Grauen, das sie gespürt hatten, nicht ihrer Fantasie entsprungen oder gar Einbildung gewesen war. Rofibald war unauffindbar und nun diese Spur hier. Da musste es einen Zusammenhang geben. Man konnte nur hoffen, dass Rofibald nichts Schlimmes passiert war.
Schweren Herzens zog Heinrich wieder die Rufwurzel aus der Tasche. Ihm blieb nichts weiter übrig, als den Chef anzurufen und ihm von ihrer Entdeckung zu berichten. Der Rufton erklang nur kurz, dann war der Chef am anderen Ende. Dass er schon nach dem ersten Klingelzeichen das Gespräch annahm, war ein Indiz dafür, wie ernst er die Sorge um Rofibald nahm. Heinrich berichtete nun von den großen Fußspuren, die sie entdeckt hatten. Er erzählte, was Emilia und er am Vorabend im Wald erlebt hatten und dass sie sich verfolgt geglaubt hatten. Vom Chef kam ein gestöhntes: „Was ist nun wieder schief gegangen? Warum kann die Arbeit nicht mal ein Jahr ohne Probleme laufen?“
Episode 3 (von Annsworld1987)
Lumiukko, der aussah, wie ein Schneemann in Riesengröße, lief nun schon den zweiten Tag orientierungslos durch den Wald. Immer wieder murmelte er dabei „Heute muss ich ihn finden, muss ihn finden…“ vor sich hin.
Wieder einmal blieb er stehen. Es war schon recht dunkel geworden. In der Ferne konnte er nun ein Dorf erkennen, wo Lichter in den Häuschen brannten und aus den Schornsteinen Rauch aufstieg. Ein schöner Anblick, wäre er nicht so in Eile gewesen.
Als es noch dunkler wurde, bekam er langsam Angst. „Nicht gut!“, dachte er, und da passierte es auch schon wieder. Um ihn herum schob sich dicker Nebel und stieg über ihm zu einem riesigen Schneeberg empor. Das passierte immer, wenn er Angst bekam.
In der Ferne hörte er Stimmen. Wurde da „Rofibald“ gerufen? Nein das konnte nicht sein. Wer sollte so spät noch im Wald sein? Er versuchte sich zu entspannen, damit der Nebel und der Schnee verflogen, aber es wollte ihm einfach nicht gelingen. Seine Angst und Panik machten es noch schlimmer.
„Lumi, beruhige dich! Ich bins, Rofi! Was machst du denn hier? Bist du etwa den ganzen Weg vom Nordpol hierhergekommen? Lumi? Hallo? Hörst du mich? Lumiukko!!!“
Stille.
„Was ist passiert?“, fragte sich Lumiukko, als er wieder zu sich kam. Von Nebel und Schnee war nichts mehr zu sehen. Er hatte sich beruhigt. Da fiel es ihm wieder ein. Er hatte Rofis Stimme gehört. Er sah sich nach allen Seiten um, aber Rofibald war nirgends zu sehen. Wo war sein Freund? Er blieb doch sonst immer bei ihm, wenn er einen seiner Anfälle hatte.
Schnell rappelte Lumiukko sich auf und rannte noch tiefer in den Wald hinein. Sehen konnte er nicht viel, denn es war mittlerweile noch dunkler geworden. Aber er wusste, dass Rofibald ihn brauchte und so rannte er immer schneller und schneller. Plötzlich fielen ihm die anderen Stimmen wieder ein, die er gehört hatte. „Rofibald!“ hatten sie gerufen. Suchten auch die anderen nach ihm? Was war nur mit Rofi passiert? Es wurde ihm schon wieder bange.
„Nein! Nicht jetzt! Ich brauche einen klaren Verstand, keinen Nebel und keinen Schnee! „Geh weg!“, rief er ganz laut.
Getrieben von Sorge rannte er weiter und spürte, wie seine Kräfte schwanden. Aber er musste Rofi finden. Als er auf eine Waldlichtung kam, die vom Mondlicht erhellt wurde, konnte er erahnen, wie weit er inzwischen gerannt war. Erschöpft wollte er sich auf den Boden legen und sich ausruhen, aber er schüttelte sich, schaute hinauf zum Mond und lief weiter.
„Ich muss ihn finden!“, murmelte er abermals, während er wieder im Dickicht des Waldes verschwand.
Episode 4 (von ichbinsg)
Plötzlich sah er Schatten am Himmel. Er konnte erst nicht erkennen, was sich ihm näherte. Um es nicht aus den Augen zu verlieren, starrte er krampfhaft weiter nach oben, während er lief. Nach ein paar Metern geriet er ins Taumeln. Es knackte, krachte und rums lag er am Boden. Nach zwei, drei Drehungen blieb er regungslos liegen. Er hatte einen verschneiten Baumstumpf übersehen und war hängen geblieben. Die Schatten waren nun direkt über ihm. Mit dem Mond im Hintergrund konnte er jetzt Umrisse von Flügeln erkennen.
Es waren drei Eulen. Tytola, Aurelia und Tamina ging es ähnlich wie Lumiukko. Sie hatten auch erst nur Umrisse gesehen und nicht erkennen können, was sich so mächtig Großes so schnell durch den Wald bewegt hatte. Sie waren ganz aufgeregt, es wirkte wie ein Schneegestöber von oben und doch erkannten sie Umrisse, die wie ein riesiger Waldgeist wirkten. Nachdem sie sich genähert hatten, bewegte sich dieses weiße Etwas von einem Moment zum anderen nicht mehr. Sie flogen noch näher heran und erkannten tatsächlich einen riesengroßen Schneemann mit weit aufgerissenem Mund. Sie spürten seine Unsicherheit und riefen ihm zu, dass sie keine bösen Absichten hätten, sondern nur auf der Suche nach einem Freund wären. Sie fragten, ob er sich verletzt hätte und sie ihm irgendwie helfen könnten.
Nun wirkte der Schneemann ein wenig entspannter, eigentlich sogar regelrecht erleichtert, aber trotzdem auch ganz aufgeregt. Er begann sich aufzurappeln und stotterte vor sich hin: „W.. wer seid ihr … und wen sucht ihr? Ich bin auch auf der Suche nach einem Freund. Kann ihn einfach nicht finden. Mache mir große Sorgen. Und, nein, hab mich nicht verletzt. Danke.“
Die drei Eulen umkreisten ihn und ließen sich schließlich auf einen umgekippten Baumstamm nieder. Sie schauten sich gegenseitig an, bevor Aurelia das Wort ergriff. „Vielleicht suchen wir ja dieselbe Person. Kennst du Rofibald-Geruwim?“
„Oh ja, genau den suche ich!“, antwortete Lumiukko wie aus der Pistole geschossen. „Ich laufe nun schon so lange durch den Wald und habe einen weiten Weg hinter mir. Ich möchte ihm unbedingt etwas berichten, aber ich kann ihn einfach nicht finden. Das bereitet mir schlimmes Unbehagen.“
Tytola hüpfte auf dem Baumstamm noch etwas näher an denSchneemann heran.
„Etwas merkwürdiges geht hier anscheinend vor sich. Rofibald ist verschwunden. Freunde haben seine Rufwurzel und seine Kiepe gefunden. Sie sind auch unterwegs und suchen ihn. Zwischendurch wurden sie durch seltsamen, starken Nebel in die Irre geführt und konnten nur schwer ihren Weg finden. Sie hatten sich sogar verlaufen. Der Chef meinte, sie hätten ein unglaublich großes Schneemonster gesehen und vermutet, dass jenes etwas mit Rofibalds Verschwinden zu tun haben könnte.“
Bei ihren letzten Worten verstummte die Eule kurz, sah aus, als würde sie einen Geist sehen und rief dann: „Ach, du warst das! Sie sprachen nämlich von einem gigantischen Riesenschneemann. Jetzt, wo ich dich genauer anschaue, erkenne ich dich. Ich habe schon einige Geschichten über dich gehört. Ich wundere mich jetzt nur, weil du in diesen Geschichten immer mit dem Nordpol in Verbindung gebracht wurdest.“ Fragend schauten die drei Eulen Lumiukko an und warteten seine Antwort ab.
Nach stockendem Anfang überschlug sich die Stimme des Schneemanns zum Schluss fast beim Erzählen über sich, seinen Weg, seine Suche und sein Anliegen und über das, was passierte, wenn bei ihm Angst und Panik ausbrachen, sowie über seine lange Freundschaft zu Rofibald-Geruwim.
Am Ende der Erzählung waren alle für kurze Zeit still, bevor sie anfingen darüber zu diskutieren, was wohl mit Rofibald passiert sein konnte.
Während sie sich so aufgewühlt miteinander austauschten, sah Tamina, wie ein paar Rehe in der Nähe durch den Wald liefen und plötzlich an einem Abhang stehen blieben. Sie spannte ihre Flügel und flog zu ihnen hinüber. Als sie näher herankam, erkannte sie, dass es sich nicht um einen Abhang, sondern um ein sehr großes, brunnenähnliches Loch handelte. Tief unten schien sich etwas zu bewegen. Doch trotz ihres brillanten Sehvermögens im Dunkeln konnte sie nichts Genaues erkennen. War das etwa Rofibald-Geruwim? Aber warum gab er dann keinen Laut von sich?
Episode 5 (von Berta)
Als Tamina sich am Rand des Loches niederließ, sah sie, dass es tatsächlich Rofibald war, der sich da unten bewegte. Er lag auf dem Rücken und stöhnte vor Schmerzen. „Halte durch, wir kommen runter und helfen dir, Rofi!“, rief sie hinab.
Inzwischen waren auch Aurelia, Tytola und Lumiukko herangekommen und hatten gehört, was Tamina gerufen hatte. Der Schneemann schaute in das Loch, erschrak beim Anblick seines Freundes und fing sofort wieder an zu zittern. Die Eulen redeten beruhigend auf ihn ein und überredeten ihn, sich auf der wenige Schritte entfernten Lichtung auf den Boden zu legen und zu warten, bis sie Rofibald aus dem Loch geborgen hatten. Nun zupften sich die drei Eulen Federn aus ihrem Unterkleid, die sie dann blitzschnell zu einem dünnen, aber starken Strick flochten. Aurelia behielt das eine Ende im Schnabel und flog damit hinab zu Rofibald. Sie knüpfte den Strick geschickt an Rofibalds Gürtel fest, sprach tröstend auf ihn ein und flog wieder hinauf zu ihren Schwestern. Nun nahmen alle drei den Strick in ihre Krallen und wollten Rofibald gerade mit aller Kraft aus dem Loch heraus ziehen, als Lumiukko sich aufrappelte und seine Hilfe anbot:
„Ich bin groß und habe die Kraft von zehn Rentieren! Lasst mich das machen. Für mich ist das keine Anstrengung!“ Die Eulen sahen einander kurz an, nickten sich zu und übergaben den Strick an den Schneemann. Der ruckelte nur einmal kurz am Strick und schon kam ihm Rofibald regelrecht entgegengeflogen. Lumiukko kippte nach hinten auf seinen weichen Po, und Rofibald landete bäuchlings auf dem ebenso weichen Bauch des Schneemanns. Sofort strahlte Lumiukkos möhrennasiges Schneemannsgesicht. Mit seinen Schneefingern streichelte er ganz vorsichtig über Rofibalds Rücken. Der richtete sich nun mühsam auf, wobei er seinen Hinterkopf und seine linke Hüfte abtastete. Schließlich setze er sich auf Lumiukko und bemerkte die fragend auf ihn gerichteten Blicke der Eulen.
„Was ist passiert?“, fragte Tamina ihn.
„Ich war gestern Nachmittag auf dem Weg zu den drei Traubeneichen.“, begann Rofibald zu berichten. „Plötzlich hörte ich von hinten ein Zischen, das ganz schnell lauter wurde. Ehe ich wusste, wie mir geschieht, riss es mir die Füße weg, ich wirbelte durch die Luft und fiel in dieses verdammte Loch. Zum Glück fand ich beim Fallen Halt an einer Wurzel. Wer weiß, was mir sonst passiert wäre. Irgendwann konnte ich mich aber nicht mehr länger halten und bin bis auf den Boden des Lochs gefallen. Dabei muss ich wohl ohnmächtig geworden sein. Als ich wieder aufgewacht bin, habe ich ein paar Mal um Hilfe gerufen, aber da unten hat mich niemand gehört. Das Schlimmste aber ist, dass ich nicht einmal anrufen konnte, denn meine Rufwurzel ist verschwunden. Und meine Kiepe auch. Das ist jetzt schon eine ganze Weile her. Ich bin hungrig, friere und mein Kopf tut weh.“
Tytola kam näher an Rofibald heran und legte von hinten ihre Flügel um seinen kleinen Körper, um ihn etwas zu wärmen.
„Was ist eigentlich so dringend, dass du den weiten Weg vom Nordpol zu mir gelaufen bist, Lumi? Du hast doch eigentlich da oben auch vollauf zu tun so kurz vor dem Fest.“
„Warte mit deinem Bericht, Lumiukko“, sagte Aurelia schnell. „Ich will auch hören, was du zu erzählen hast. Aber vorher will ich zu den anderen fliegen und sie herholen. Sie suchen Rofi ja immer noch. Sie müssten ganz in der Nähe sein.“
Schon schwang sie sich mit wenigen Flügelschlägen hinauf über die Baumkronen und flog davon. Josef, Heinrich, Emilia, Martha und Odio wollten ihre Suche schon abbrechen, da sie so gut wie nichts mehr sehen konnten. Gerade wollten sie im Gänsemarsch in Richtung Dorf zurücklaufen, damit diesmal keiner vom Weg abkommen konnte, als sie Aurelia von oben rufen hörten.
„Lauft nicht zurück, sondern folgt mir! Wir haben Rofibald gefunden!“ Die fünf riefen voller Freude durcheinander. Dieses Mal war es Odio, der die anderen zur Ruhe ermahnte. Schließlich wollten alle das gleiche von Aurelia wissen. Nämlich, wie es Rofibald ging und wo er gefunden wurde.
Während sie schon losliefen, berichtete Aurelia im Tiefflug, dass es Rofibald den Umständen entsprechend gut ging und dass er in einem recht tiefen, großen Loch gefunden wurde, das es zuvor an dieser Stelle nicht gegeben hatte. Emilia leuchtete ihnen mit ihrer Taschenlampe den Weg. Schon nach wenigen Minuten trafen sie auf der Lichtung ein. Rofibald war gerade dabei, mit ein paar eingesammelten Zweigen ein kleines Feuer zu machen, an dem er sich hoffentlich bald wärmen konnte. Wie gern hätte er jetzt seine Kiepe bei sich gehabt, um sich von den Kräutern, die er immer bei sich hatte, einen Tee kochen zu können.
Seine fünf Freunde aus dem Dorf stürmten die letzten Schritte auf ihn zu und nacheinander umarmten sie ihn alle herzlich und innig. Lumiukko, der sich, so gut er konnte, hinter ein paar sehr großen Bäumen versteckt hatte, kam jetzt schüchtern hervor und verbeugte sich vor den Neuankömmlingen. Die legten sogleich alle ihre Köpfe in den Nacken und sahen mit großen Augen zu ihm hinauf.
Rofibald stellte den anderen Lumiukko als seinen Freund aus dem hohen Norden vor.
„Seht ihr?“, rief Emilia. „Wir haben uns gestern Abend im Wald nichts eingebildet. Lumiukko ist der Schneeriese, der hinter uns war. Jetzt wirkt er allerdings überhaupt nicht gefährlich.“
Die Eulen hatten sich etwas abseits auf Ästen niedergelassen und beobachteten aufmerksam das Treiben vor ihnen. Heinrich übergab jetzt die Kiepe und die Rufwurzel an Rofibald, dem vor Freude die Tränen in die Augen traten. Was für ein Glück, dass beides wiedergefunden worden war. Nun stand einem herrlichen Topf Kräutertee nichts mehr im Wege.
Emilia und Martha boten sich an, das Teekochen zu übernehmen, während Heinrich, Josef und Odio in der Nähe nach mehr Holz für das Feuer suchten. Jetzt, da sie für eine Weile alle hier im Wald verweilen würden, müssten sie das Feuer ordentlich füttern. Lumiukko schaute mit etlichen Metern Abstand sehr interessiert zu. Das Feuer ängstigte und faszinierte ihn gleichzeitig. Er hatte seit der Ankunft der anderen noch kein Wort hervor gebracht. Als sich endlich alle am Feuer niedergelassen hatten und der Teetopf herumgereicht wurde, ergriff Rofibald das Wort.
Episode 6 (von Jörg Schwinghammer)
„Nun ja.“, sagte er, und fügte an Lumiukko gewandt hinzu: „Wenn es für dich in Ordnung ist, erzähle ich meinen Freunden mal, wer du eigentlich bist.“
Der Schneemann nickte nur und sah dabei ziemlich verunsichert aus, denn er fragte sich, wie Rofibalds Freunde wohl reagieren würden, wenn sie seine Geschichte hörten. Rofibald nahm einen Schluck warmen Tee aus dem tönernen Pott, an dem er seine kleinen Hände wärmte, und fing an zu erzählen:
„Ihr wisst ja, dass unsere Rentiere am Nordpol leben, genauer gesagt eigentlich in Grönland. Dort genießen sie das Jahr und sammeln Kraft für die wirklich anstrengende Zeit zu Weihnachten, in der sie mit den voll beladenen Schlitten durch die Gegend fliegen und in Windeseile die Geschenke verteilen. Vor einigen Jahren, mitten im Sommer, rief mich der Chef an und schickte mir in der Nacht einen Rentierschlitten, weil ich unbedingt sofort nach Grönland kommen sollte. Ihr könnt euch sicher denken, dass sowas wirklich nur in Notfällen gemacht wird, weil es den Rentieren hier bei uns selbst in der Nacht viel zu warm ist. Ich flog also mit einem Rentierschlitten nach Grönland. Dort herrschte in dem Dorf, in dem unsere Rentiere den Sommer verbrachten, eine riesige Aufregung.“
Lumi schien immer kleiner zu werden, je weiter Rofibald erzählte. Der hielt kurz inne, lächelte ihm aufmunternd zu, und sagte leise zu ihm: „Mach dir keine Sorgen, Lumi. Du wirst sehen, alles wird gut.“
Zu seinen Freunden gewandt fuhr er fort: „Schon seit Wochen passierten dort seltsame Dinge und an dem Tag, als mich der Chef anrief, war etwas geschehen, was ganz böse hätte enden können. Jemand hatte ein Stück Zaun um den riesigen Bereich geklaut, in dem die Rentiere lebten. Gerade im Juni, als der Nachwuchs geboren wurde und die Jungtiere noch schutzlos waren. Als ich dort ankam, hatten sie Lumiukko gerade auf frischer Tat dabei ertappt, wie er den Zaun einfach klaute, um sich Feuerholz für den Winter zu besorgen. Er war viel zu faul, das Holz aus dem Wald zu holen, zu sägen und zu hacken. Der Chef war außer sich. So sehr, dass er Lumiukko, der ein stattlicher Mann war, verwünschte und forthin als Schneemann leben ließ. Aufgebracht wie er war, wollte er ihn gleich noch aus Grönland verbannen. Das habe ich zum Glück noch verhindern können. Ich habe auf den Chef eingeredet, dass er doch auch hier bei uns Leuten eine zweite Chance gegeben hat. Schließlich konnte ich ihn überzeugen, dass es Strafe genug war, dass Lumi nun ein Schneemann war. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass Lumi oft dafür ausgelacht wurde und es nicht leicht hatte. Nun, Lumi hat mir seitdem immer mal geschrieben und ich habe gemerkt, dass er seine Taten bereut und sich geändert hat. Mittlerweile kümmert er sich um unsere Rentiere und sorgt dafür, dass es ihnen gut geht.“
Rofi nahm wieder einen Schluck Tee und Heinrich richtete sich nun an den Schneemann: „Lumi, auch einige von uns haben früher nicht alles richtig gemacht, aber sie haben eine zweite Chance bekommen. Ich bin sicher, auch du wirst die bekommen, denn du hast offenbar aus deinen Fehlern gelernt.“
Lumiukko war erleichtert, als Heinrich das sagte und sah, dass die anderen zustimmend nickten.
„Lumi, nun habe ich lang genug geredet und alles über dich erzählt.“, fuhr Rofibald fort. „Aber sag mal, du hast noch gar nicht gesagt, warum du eigentlich hier bist. Jetzt ist es an der Zeit, dass du selbst das Wort ergreifst.“
Lumiukko konnte nun endlich berichten, warum er so kurz vor Weihnachten den weiten Weg vom Nordpol zu Rofibald auf sich genommen hatte, denn eigentlich hatte er ja genug mit den Weihnachtsvorbereitungen für die Familien und Kinder in Grönland zu tun. Er beschrieb genau, welche unerwarteten Zwischenfälle bei ihm zu Hause aufgetreten waren. Man konnte in den Gesichtern seiner Zuhörer mit jedem Satz mehr erkennen, was in ihren Köpfen vorging. Anfangs war es Fassungslosigkeit und man hätte meinen können, dass alle vor solchen Problemen nur resignieren würden. Doch nach und nach machte sich Entschlossenheit breit. Alle waren jetzt ebenso besorgt, wie Lumiukko, und wollten sich nicht damit abfinden. Eine Lösung musste her. Auch wenn vorerst nicht klar war, wie diese aussehen sollte.
„Lumi!“, sagte Rofibald, nachdem alle das Gehörte erst einmal kurz verarbeitet hatten.
„Wir werden eine Lösung finden. Wir können zwar nicht rückgängig machen, dass dieser Riss im Eis gerade den Teil abgetrennt hat, auf dem ihr die Weihnachtssachen und die Geschenke lagert und erst recht kann niemand diese wieder vom Grund des Arktischen Ozeans heraufholen, aber wir werden nicht zulassen, dass euer Weihnachtsfest sprichwörtlich ins Wasser fällt. Die Kinder freuen sich das ganze Jahr darauf und schließlich sind auch die Rentiere außer in der Weihnachtszeit ständig bei euch gut aufgehoben. Wir helfen euch und werden das Weihnachtsfest auf Grönland irgendwie retten. Ganz egal wie!“
Von allen Seiten kamen zustimmende Bemerkungen und Rofibald griff zu seiner Rufwurzel, die er ja wiederbekommen hatte, und rief gleich den Chef an.
„Na das hat uns ja gerade noch gefehlt!“, entfuhr es dem, nachdem er Rofibalds Bericht, ohne ihn zu unterbrechen, zugehört hatte. „Natürlich können wir Lumiukko nicht im Stich lassen. Aber es wird nicht einfach werden, da hier ja alle verfügbaren Leute bis zum Heiligabend vollkommen verplant und eingebunden sind. Wie sollen wir das nur machen?“
„Das weiß ich auch noch nicht, Chef.“ antwortete Rofibald, und blickte dabei auf. Er sah vor sich nur entschlossene Gesichter und fügte mit einem kaum erkennbaren Schmunzeln hinzu „Aber wenn du die Leute sehen könntest, die mir gerade ganz gespannt beim Telefonieren zusehen, dann wüsstest du, wir wollen und werden einen Weg finden! Ich melde mich wieder!“ und damit legte er auf.
Heinrich fand als erster wieder ein paar Worte und meinte „Egal wie, wir müssen das schaffen. Weihnachten darf für die Kinder in Grönland nicht ausfallen! Lumiukko, du kannst dich auf uns verlassen!“ Alle stimmten ihm zu und erwachten so langsam wieder aus ihrer Schockstarre, die sie bei Lumiukkos Bericht ergriffen hatte.
„Wenn wir alle mit anpacken, dann könnten wir die Sachen zusammentragen, die für Weihnachten gebraucht werden“, sagte Odio Nix. „Noch haben wir die eine oder andere Stunde Zeit, das könnten wir bis Weihnachten schaffen.“
„Aber wie sollen die Sachen denn rechtzeitig an Heiligabend am Nordpol sein?“, fragte Josef, und man sah ihm an, wie verzweifelt ihn der Gedanke daran machte, dass es dort am Heiligabend keine strahlenden Kinderaugen geben könnte. „Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen, aber wir können doch nicht gleichzeitig an zwei Orten sein und die Bescherung vorbereiten. Und selbst, wenn wir es unseren Kindern hier erklären, wären die enttäuscht. So bekommen wir das Problem nicht gelöst!“
„Ich habe eine Idee“, meinte Rofibald plötzlich und griff, ohne noch etwas darüber zu sagen, nach seiner Rufwurzel. „Chef, es wird eng, aber wir könnten es schaffen!“ meinte er, nachdem der Chef ans Telefon gegangen war.
„Aber wie wollt Ihr das machen? Hier haben alle gerade am Heiligabend alle Hände voll zu tun.“, antwortete der.
„Nun ja“, sagte Rofibald und grinste ein wenig mehr als vorhin, „in Grönland ist es vier Stunden früher als bei uns. Wenn die Rentiere nichts gegen einen Extraflug in den Norden einzuwenden haben, sind wir pünktlich zur Bescherung bei uns wieder zurück!“
Einen kurzen Moment waren alle ruhig, der Chef am Telefon und alle Leute um Rofibald herum ebenfalls.
„Gut“ ertönte die Stimme vom Chef schließlich aus Rofibalds Rufwurzel. „Wir haben vier Stunden vom Losfliegen bis zur Rückankunft hier im Dorf. In der Zeit müssen wir alles schaffen, was dort zu machen ist. Das geht aber nur, wenn ihr alles vorbereitet. Du weißt, ich habe momentan keine freie Minute. Ihr seid also ganz auf euch allein gestellt und müsst das alles nach Feierabend erledigen. Wenn Ihr meint, ihr schafft das, komme ich mit allen Schlitten am Nachmittag des Heiligabend auf den Dorfplatz und wir fliegen nach Grönland. Aber um sieben müssen wir wieder hier sein!“
„Danke Chef!“, antwortete Rofibald erleichtert und fügte nach einem Blick in die entschlossenen Gesichter seiner Freunde hinzu: „Wir kriegen das hin, auch wenn wir nur noch drei Tage Zeit haben!“
Episode 7 (von allen Blogautoren)
Nun war Eile geboten. Zügig löschten sie das Feuer. Rofibald schulterte seine Kiepe und Heinrich nahm Emilia an die Hand. Odio legte seinen Arm um Martha und Lumiukko straffte sich stolz und voller Tatendrang. Schon machten sie sich auf den Weg ins Dorf. Allen voran stapfte Josef mit ausholenden Schritten. Die Eulen flogen hinter ihnen her.
Auf ihrem Weg stießen sie plötzlich auf Bauer Brix, der sein Pferd durch die verschneite, dunkle Landschaft führte und beim Anblick des riesigen Schneemanns nicht im mindesten erstaunt zu sein schien. Etwas verhülltes saß auf dem Pferderücken. Verwundert fragte Heinrich den Bauern, wohin er zu so später Stunde wolle. Doch noch bevor dieser antworten konnte, rief Rofibald dazwischen: „Bauer Brix! Du kommst wie gerufen! Wir könnten deine Hilfe gebrauchen und dein Pferd.“ Schnell erzählten sie ihm, was geschehen war. Plötzlich regte sich das verhüllte Etwas auf dem Pferd. Es schob seine Decke zur Seite und als erstes blitzte ein weißer Kopfverband hervor. Als die Decke noch weiter herunterrutschte, kam der Trollmagier Querbur zum Vorschein. Der Kopfverband hatte ein paar rote Flecke, die wie Blut aussahen. Als erster fand Heinrich die Sprache wieder und fragte erschrocken: „Oh, Querbur, du bist ja verletzt! Was ist dir denn passiert?“ Auch die anderen der Gruppe standen nun ganz dicht bei Lotte und starrten den Verletzten an. Querburs kleines Gesicht war mittlerweile rot angelaufen und er begann ungewohnt zögerlich zu reden. „Ich wollte doch nur… Das war ein Versehen. Ich wollte doch allen eine besondere Freude bereiten und war dabei, mit einer neuen Pulvermischung einen blitzenden Sternenschweif zu basteln. Er sollte meine Überraschung zum Heiligen Abend werden.“ Nun war er fast den Tränen nah und seine Stimme wurde immer leiser. „Ich muss mich verrechnet haben. Das Mischungsverhältnis des Pulvers hat nicht gestimmt. Als ich den Sternenschweif tief im Wald ausprobieren wollte, ist er mir erst um die Ohren geflogen und dann mit einem lauten Zischen im Wald verschwunden.“
„Was?“, rief Rofibald nun mit entsetztem Blick auf den Magier. „Du warst das? Weißt du, was du damit angerichtet hast?“
Mit knappen Worten und Groll in der Stimme berichtete Rofibald nun von dem Zischen, welches er plötzlich gehört hatte, seinem Sturz in das Loch und seiner Hilflosigkeit und Ohnmacht, bis endlich Hilfe für ihn nahte. „Ich bin dadurch nun arg in Zeitdruck.“, sprach er weiter. „Die Geschenke für das Weihnachtsfest hätten schon längst eingesammelt sein sollen.“ Querbur kullerten nun ein paar dicke Tränen übers Gesicht. Man sah ihm sein schlechtes Gewissen an. Emilia trat zu den beiden und sagte in besänftigendem Ton: „Nun beruhigt euch doch erst mal. Vorwürfe helfen auch nicht weiter! Ich würde vorschlagen, wir laufen jetzt alle gemeinsam ins Dorf und besprechen dort bei Tee und Brot, wie wir helfen können.“
Als sie bei Marthas und Odios kleinem Häuschen angekommen waren, versorgte Bauer Brix Lotte mit Hafer und Wasser. Martha eilte in die Küche, um eine kleine Mahlzeit zu richten und Emilia nahm Querbur den Verband ab und reinigte und desinfizierte seine Kopfwunde. Dabei ging dessen Blick immer wieder an ihr vorbei zur offenen Terrassentür. Davor hatte sich Lumiukko einen Platz gesucht, denn die Wärme im Haus vertrug er nicht. Die Eulen saßen hinter ihm auf dem Ast einer großen Bergkiefer.
Endlich fasste Querbur sich ein Herz und fragte den Schneemann: „Wer bist du denn?“. Lumiukko räusperte sich und erzählte in knappen Sätzen von den Rentierkälbern, die er durch den Diebstahl des Zauns in Gefahr gebracht und dass der Chef ihn daraufhin als Strafe verwunschen hatte. Querbur hatte dabei das Gefühl, dass der riesige Schneemann bei der Schilderung seiner Tat und der Bestrafung immer kleiner wurde. Dann berichtete Lumiukko auch ihm von der Eisscholle, die durch das ungewöhnlich warme Klima abgebrochen und weggetrieben war, woraufhin die darauf gelagerten Geschenke alle im Meer versunken waren. Querburs Augen weiteten sich vor Schreck. Nach kurzem Nachdenken rief er laut:
„Ich denke, ich kann euch helfen, aber gebt mir etwas Zeit! Ich muss in meinem Buch der geheimen Magie nachlesen, damit es nicht wieder zu einem Unglück wie mit meinem Sternenschweif kommt.“
Es war nun spät in der Nacht und Bauer Brix wollte sich mit Lotte auf den Heimweg machen und so bot er Querbur an, ihn bis zum Waldrand mitzunehmen. Dieser nahm das Angebot nur allzu gern an. „Kommt morgen früh gleich nach Sonnenaufgang zu mir!“ rief er den anderen von Lottes Rücken aus zu. Die drei Eulen machten sich gemeinsam mit ihnen auf den Weg.
„Was für ein aufregender Tag!“ sagte Emilia. Allen war die Erschöpfung anzusehen. „Wir sollten jetzt auch heimgehen und ein paar Stunden schlafen, damit wir morgen fit sind. Es wartet sicher viel Arbeit auf uns. Lumi, du kannst dich hinter unserem Haus auf der Weide schlafenlegen.“
Die Aufregung draußen war groß, als Emilia und Heinrich am nächsten Morgen schlaftrunken aus dem Fenster schauten. Das halbe Dorf schien auf ihrer Weide versammelt zu sein. Sie erblickten viele Kinder, die mit großen Augen staunend auf den schlafenden weißen Riesen schauten und aufgeregt durcheinander redeten.
Oh weh! Sie mussten sich jetzt sputen, um pünktlich mit den anderen bei Querbur einzutreffen. Schnell zogen sie sich an. Heinrich stopfte etwas zu Essen und eine Thermoskanne Tee in seinen Rucksack und schon eilten sie hinaus zu dem eben erwachenden Lumiukko. Die Kinder traten geschlossen einige Schritte zurück und sahen zu dem sich aufrichtenden Schneemann auf.
Lumiukko blinzelte eingeschüchtert in die Runde, doch noch bevor er etwas sagen musste, kam ihm Emilia zu Hilfe und erklärte den Versammelten mit wenigen Worten, dass dies ihr Freund aus dem hohen Norden sei, der hier bei ihnen nach einem Weihnachtsbaum für seine Heimat suchen wolle. Unter diesem Vorwand eilten sie gemeinsam mit ihm davon.
Als sie Querburs Behausung fast erreicht hatten, hörten sie schon von weitem Stimmen. Odio, Martha und Josef standen gemeinsam mit dem Magier auf der kleinen Lichtung vor der imposanten Baumwurzel und diskutierten miteinander. Tytola, Tamina und Aurelia saßen rings um die Gruppe in den Bäumen. Fast zeitgleich tauchten auch Pussili und Lente auf. Odio hatte seine beiden Freunde ganz früh am Morgen angerufen und ihnen den Ernst der Lage am Nordpol geschildert. Für die Beiden war es selbstverständlich, dass auch sie an der Rettungsaktion teilnehmen wollten.
Odio umarmte seine Freunde herzlich und stellte auch ihnen seinen Freund Lumiukko vor. Dieser setzte sich nun am Rand der Lichtung nieder, lehnte seinen kugelförmigen Oberkörper an den dicken Stamm einer großen Bergkiefer und schaute still aber interessiert in die Runde. Als sich schließlich alle gegenseitig begrüßt hatten, gingen die Blicke erwartungsvoll zu Querbur. Wie würde er bei der Rettungsaktion für die Kinder in Grönland helfen können? Der Magier klappte sein ledergebundenes Buch zu und verschloss es mit einem Schlüssel, den er an einem Band um den Hals hängen hatte.
„Liebe Freunde, ich denke, ich bin fündig geworden.“, sagte er in die Runde. „Ich musste die genaue Zusammensetzung meines Zaubermittels zur Sicherheit nur noch ein letztes Mal überprüfen. Aus der Tasche seines Umhangs zückte er einen kobaltblauen Zauberstab. Mit erhobenem Arm schwang er ihn zweimal kreisend hin und her, wobei hunderte winziger, goldener Sternchen kurz durch die Luft wirbelten. Plötzlich war ein Zischen zu vernehmen, dem blubbernde Geräusche folgten. Mit jedem Ton rauschte nun wie aus dem Nichts ein prall gefüllter Jutesack von oben herab und landete weich auf dem schneebedeckten Waldboden neben Querburs Baumwurzel. Nach etwa einer Minute wurde das Blubbern leiser und es fielen nur noch leere Säcke nieder. Schließlich wurde es ganz still und der Zauber war vorbei. Wie gebannt hatten alle zugeschaut. Nun sprachen sie aufgeregt durcheinander und rätselten, was es mit diesen Säcken auf sich haben könnte. Querbur räusperte sich einmal laut, und sofort hatte sich wieder alle Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet.
„Das ist meine Entschuldigung an Rofibald. Mit dem letzten Quaxikum, das ich noch hatte, konnte ich einen Teil der Säcke mit Weihnachtsgeschenken füllen, aber es hat leider nicht für alle gereicht.“ Für einen Moment schaute er etwas traurig drein.
„Ich weiß, das war nicht genug.“, entfuhr es ihm. „Nicht genug, um Rofibalds verlorene Zeit für das Einsammeln der anderen Geschenke wieder gut zu machen!“
Plötzlich strahlte er dennoch und erzählte den anderen in optimistischem Ton, dass er dieses Problem bereits in der Nacht gelöst habe. Er habe seine kleinen Freundinnen, die sieben Elfen, ausschwirren und alle Geschenke einsammeln lassen, mit denen Rofibald in Verzug geraten war. Die Elfen seien zwar klein und zierlich, könnten aber allein mit ihren Berührungen Dinge in Sekundenschnelle von einem Ort zum anderen bewegen.
„Nur, wie wir die restlichen Säcke hier in der kurzen Zeit befüllen sollen, da habe ich keine Idee.“, sagte er in betroffenem Ton.
Diesen Worten folgte eine ratlose Stille, die Martha jedoch nach kurzer Zeit mit einem freudigen Aufschrei brach: „Ich habe eine Idee!“, rief sie. „Ich kenne eine alte Dame im Dorf, die nicht mehr gut laufen kann und ihren Alltag mit allen möglichen Handarbeiten verbringt. Sie strickt, häkelt und näht. Ihre ganze Familie beschenkt sie immer reichlich mit ihren Arbeiten. Ich bin sicher, dass sie noch vieles übrig hat, was ihre fleißigen Hände übers Jahr geschaffen haben. Außerdem gibt es da diesen alten Mann, dessen Namen ich nicht kenne, den ich aber ganz oft schnitzend vor seinem Haus auf einer Bank sitzen sehe. In seinen Fenstern stehen immer wieder neue Figuren. Vielleicht kennt ihr ja auch ein paar Leute, die ihr um Mithilfe bitten könntet?“
„Das ist eine prima Idee!“, meldete sich nun Heinrich zu Wort. „Wir alle kennen doch bestimmt jemanden, der etwas beisteuern kann. Was haltet ihr davon, wenn jeder von uns sich einen leeren Sack schnappt und bei den Leuten im Dorf um Geschenkspenden für die Weihnachts-Rettungsaktion bittet? Da bekommen wir doch bestimmt einiges zusammen.“
Alle waren sich im Nu einig und stellten mit Begeisterung fest, dass Marthas Idee und Heinrichs Vorschlag genau das Richtige waren. Emilia dachte sofort an Oma Kräuterle, die vielen Leuten im Dorf Säckchen mit selbst gesammelten Kräutern zum Schutz vor Erkältungen schenkte. Immer mehr Namen wurden in der Runde genannt. Es gab doch so viele liebe Menschen im Dorf, die mit Freude einem handwerklichen Hobby nachgingen und obendrein ein großes Herz besaßen.
Schnell wurden die leeren Säcke untereinander aufgeteilt. Dann machte sich die Gruppe zum Aufbruch bereit. Alle bedankten sich beim Abschied überschwänglich bei Querbur für seinen großen Beitrag für die Kinder in Grönland. Schließlich begaben sie sich auf den Rückweg ins Dorf.
Nach wenigen Minuten blieb Lente plötzlich ruckartig stehen, sodass Pussili fast auf ihn auflief. Erschrocken rief er: „Aber wir haben doch nur einen Schlitten und der ist schon mit den eingesammelten Geschenken beladen! Wir brauchen einen zweiten Schlitten für die Grönland-Aktion!“ Mit Falten auf der Stirn und in seine Gedanken vertieft lief er dann mit den anderen weiter.
Nach kurzem Überlegen antwortete Josef beruhigend: „Ich weiß, wo ein zweiter Schlitten steht. In meinem Schuppen. Er ist in die Jahre gekommen und wurde ausgemustert, doch für einen Notfall wie diesen ist er noch zu gebrauchen. Heinrich und ich können die Kufen reparieren und ihn wieder flott machen und mit etwas Tannengrün, ein paar Stechpalmenzweigen und einer Lichterkette wird er bestimmt richtig gut aussehen.“ Mit freudiger Erleichterung meinte Lente daraufhin, dass sich Josef und Heinrich doch am besten gleich auf den Weg machen sollten, damit nicht noch mehr Zeit verloren ginge. An der nächsten Weggabelung trennten sie sich voneinander.
Etwas später bogen Josef und Heinrich nach links in Richtung Josefs Schuppen hinter dem Hügel ab, während die anderen ihren Weg ins Dorf fortsetzten.
Rofibald und Lumiukko hatten sich unterdessen auf den Weg zum Geschenkeschuppen gemacht, in dem die Sammelschlitten standen, die jedes Jahr in der Weihnachtszeit beladen wurden.
„Dieses Ding klemmt aber auch jedes Mal mehr!“, meinte Rofibald ächzend, als sie angekommen waren und er die Schuppentür öffnen wollte. Mit Lumiukkos Hilfe bekam er sie schließlich auf. Das Erste, was Lumiukko im Schuppeninneren erblickte, war Grinsebacke – das Rentier, welches er mit vielen anderen im Sommer immer in Grönland pflegte. Grinsebacke hielt den Kopf ein wenig schief und schien den Schneemann freudig anzulächeln. Dessen Augen hatten sich mittlerweile an das diffuse Licht gewöhnt. Er staunte, wie groß der von außen so klein und unscheinbar wirkende Schuppen im Inneren war. Er sah die zwei Schlitten und bergeweise Geschenke, die scheinbar schon darauf warteten, aufgeladen zu werden. Er blickte sich noch weiter um,
während Rofibald neben ihm nach seiner Rufwurzel griff, um den Chef anzurufen.
„Hallo Chef, ich bin jetzt mit Lumiukko im Schuppen. Wir wollten hier mal nachsehen, was noch so an Weihnachtsdekoration übrig ist, die wir mit nach Grönland nehmen könnten, damit wir dort den Dorfplatz festlich schmücken können. Können wir alles mitnehmen, was noch dasteht, oder brauchen wir davon hier noch etwas?“.
„Ihr könnt alles mitnehmen, was da ist!“ ertönte in unmittelbarer Nähe eine tiefe Stimme. Sie kam nicht aus der Rufwurzel, sondern aus der hintersten Ecke des Schuppens. Verblüfft fuhren Rofibald und Lumiukko herum und blickten direkt ins fröhlich lächelnde Gesicht vom Chef, der doch tatsächlich in dem Moment auch gerade im Schuppen war, um selbst kurz nach dem Rechten zu sehen.
„Schön, dass du dich so um das Weihnachtsfest für die Kinder in Grönland sorgst.“, fuhr er an Lumiukko gewandt fort. „Wir werden alles Machbare tun, damit sie ein schönes Weihnachtsfest haben werden. Aber jetzt muss ich weiter. Sucht euch zusammen, was ihr für den Dorfplatz braucht. Stellt es hier bereit. Das laden wir dann auf.“
Kaum hatte er das gesagt, war er auch schon wieder verschwunden. Wie immer in den letzten Tagen vor Weihnachten hatte er rund um die Uhr zu tun, damit alles pünktlich zum Fest fertig war.
Rofibald und Lumiukko machten sich gleich an die Arbeit. Es zeigte sich, dass die beiden nicht nur gute Freunde waren, sondern auch hervorragend zusammenarbeiten konnten. Während der Zwerg in jede noch so kleine Ecke kroch, um nachzusehen, was da noch Brauchbares zu finden war, nutzte der Schneemann seine enorme Kraft und trug mühelos alles zusammen, egal wie schwer es auch war. So dauerte es nicht allzu lange, bis sie einen stattlichen Berg an Weihnachtssachen zusammengestellt hatten. So viel, dass es wohl einen ganzen Schlitten füllen würde.
„Rofi, damit ist unser weihnachtlicher Dorfplatz ja so gut wie gerettet!“, meine Lumiukko zu seinem Freund. „So gut wie?“, entgegnete dieser: „Was fehlt denn noch?“
„Naja, wir haben keinen Baum. Den hatten wir ja schon nach Grönland gebracht, aber auch der ist mit der Eisscholle untergegangen. Aber ich glaube, das ist nicht so schlimm. Da alle schon vollkommen begeistert sein werden, dass Weihnachten nicht ganz ausfällt, können wir auf den Baum auch mal verzichten!“
„Das kommt überhaupt nicht in Frage!“ Rofibald baute sich vor Lumiukko auf. „Wir haben alles in die Wege geleitet, um das Weihnachtsfest für euch so schön wie immer gestalten zu können. Jetzt besorgen wir auch noch einen Baum. Du weißt selbst, dass unser Wald voll davon ist, also lass uns gleich losgehen und einen holen. Du bist groß und stark und kannst ihn fällen. Ich bin sicher, Bauer Brix findet noch ein paar Minuten Zeit, um den später mit Lotte hierher zu bringen, damit wir ihn mit den anderen Sachen aufladen können!“
Ohne auf eine Antwort zu warten, stapfte er los in Richtung Wald. Lumiukko bekam große Augen. Mit so viel Einsatz hatte er selbst bei seinem Freund Rofibald nicht gerechnet. Man sah ihm die Freude an, als er sich ebenfalls auf den Weg machte. Im Gehen nahm er noch eine Säge und eine Axt mit, die so neben der Schuppentür an der Wand lehnten, als hätten sie schon darauf gewartet, heute noch einen Weihnachtsbaum fürs Dorf in Grönland zu fällen.
Unterdessen klopften die anderen im Dorf an viele Haustüren. Sie schilderten unermüdlich wieder und wieder aufs Neue den Weihnachtsnotfall in Grönland. Die Zaubersäcke wurden in Windeseile befüllt. Es gab geschnitzte Nussknacker und Tannenbaumschmuck, leckere, selbstgebackene Kekse und Naschwerk, gestrickte Strümpfe und Schals, sowie selbstgebasteltes Spielzeug. Martha war zur Bibliothek gelaufen und hatte Päckchen mit wunderschönen Märchenbüchern gepackt. Oma Kräuterle spendierte in kleinen Stoffbeutelchen gesammelte und
getrocknete Kräuter, die man für herrlichen Tee verwenden konnte. Selbst die, die nur sehr wenig hatten, gaben bereitwillig und mit Freude etwas ab.
* * *
Lumiukkos und Rofibalds Weg in den Wald führte direkt bei Bauer Brix vorbei, der gerade die Hufe seiner Stute Lotte pflegte. Sie fragten ihn, ob er mit ihnen in den Wald kommen könne, um den Baum zum Schuppen zu transportieren, den sie gleich aussuchen wollten. Der Bauer sagte seine Hilfe sofort zu, denn er wollte sowieso gerade seinen Wagen anspannen, um noch beim Transport der eingesammelten Geschenke zum Dorfplatz zu helfen.
Als er wenige Minuten später bei ihnen im Wald eintraf, hatten sie bereits einen stattlichen Baum gefunden. Lumiukko machte sich gerade daran, ihn vorsichtig abzusägen. Rofibald war vorsichtshalber einige Schritte zurückgegangen, denn man konnte sich ja nie sicher sein, wohin genau ein Baum fiel. Während er Lumiukko aus sicherer Entfernung beobachtete, hörte er plötzlich ein bekanntes Geräusch hinter sich. Freudig drehte er sich um und sah, wie Tamina, Aurelia und Tytola gerade auf dem Baum vor ihm landeten.
Sie berichteten, dass der Chef ihnen den Auftrag gegeben habe, das Zusammensammeln der Geschenke auf dem Dorfplatz zu koordinieren, da sie von oben einfach den besten Überblick hätten. Außerdem sollten sie die Nachtwache auf dem Dorfplatz übernehmen und auf die Geschenke aufpassen. Mit ihren scharfen Augen und den überaus beweglichen Köpfen sei das ja kein Problem für die drei Eulen. Nachdem sie Rofibald kurz Bericht erstattet hatten, flogen sie zum Dorf weiter.
Kaum hatte der Zwerg sie aus den Augen verloren, hörte er ein lautes Knirschen, denn Lumiukko hatte den Baum nun umgesägt und dieser fiel langsam in den weichen Schnee, in dem er keinen Schaden nehmen konnte.
Rofibald und Bauer Brix staunten nicht schlecht, wie genau Lumiukko ihn zwischen die umstehenden Bäume gelenkt hatte, so dass auch die völlig unbeschadet geblieben waren.
„Wie sollen wir denn diesen großen Baum auf den Wagen bekommen?“, fragte Bauer Brix und sah die beiden fragend an. Lumiukko lächelte und meinte, dass so ein großer Schneemann wie er zum Glück auch große Kräfte besäße. Noch ehe Rofibald und dem Bauern klar war, wie der Schneemann das gemeint hatte, hatte dieser den schweren Baum schon auf den Wagen gehoben.
„Ich hoffe, Lotte ist das nicht zu schwer zum Ziehen, aber im Notfall schiebe ich einfach noch ein wenig von hinten mit“, sagte er zu Bauer Brix. „Die schafft das schon“, antwortete der und sie machten sich gemeinsam auf den Weg am Dorf vorbei zum Schuppen, um den Baum zu den anderen Weihnachtssachen zu bringen. Nachdem sie ihn dort abgeladen hatten, fuhren sie ins Dorf, um den anderen beim Einsammeln der Geschenke zu helfen.
Auf dem Dorfplatz trafen sie die drei Eulen, die sich mittlerweile schon einen Überblick verschafft hatten. Sie konnten ihnen sagen, an welchen Ecken noch helfende Hände gebraucht wurden und wohin Bauer Brix mit Lotte fahren sollte, um besonders große und schwere Sachen zum Dorfplatz zu transportieren.
Mit läutenden Glöckchen trafen Josef und Heinrich nur wenige Minuten später ebenfalls auf dem Dorfplatz ein. Sie hatten den alten Schlitten, den Grinsebacke zog, wunderbar wieder hergerichtet und liebevoll geschmückt. Sofort wurde mit dem Beladen begonnen. Bei der Menge an prall gefüllten Geschenkesäcken, die bereits zusammengekommen waren, wurde jedoch schnell klar, dass sie niemals alles wegbekommen würden. Zum Glück hatte der Chef versprochen, die leeren Schlitten zu schicken.
Da die Nacht bereits hereinbrach, wurde beschlossen, die Eulen bis zum nächsten Morgen über die Geschenke wachen zu lassen. Es wartete noch viel Arbeit auf die Dorfbewohner, die morgen in Windeseile von ihnen verrichtet werden musste, um alles in der geplanten Zeit zu schaffen.
Alle waren nachhause gelaufen und gleich nach dem Abendbrot schlafen gegangen, da sie nach nur wenigen Stunden Schlaf in aller Frühe wieder aufstehen mussten. Rofibald wollte selig dahinschlummern und für den nächsten Tag neue Kraft tanken, konnte aber dennoch nicht gleich einschlafen. Pussili und Lente schnarchten neben ihm in ihren Bettchen. Plötzlich klingelte leise die Rufwurzel unter seinem Kopfkissen. Verwundert holte Rofibald sie hervor und hielt sie an sein Ohr:
„Chef? Du bist noch wach?“
„Ja.“, antwortete dieser prompt. „Aber nicht mehr lange. Auch ich bin erschöpft. Allerdings musst du noch mal schnell raus. Ich habe Utila und einige Elfen geschickt. Sie sind unterwegs und bringen alle noch verfügbaren Schlitten. Wir können nun doch etwas Zeit aufholen. Ihr habt dann die Möglichkeit morgen in aller Frühe aufzubrechen und könnt so rechtzeitig zurück sein, um euch auch vor der Feier noch etwas zu erholen. Weihnachten soll schließlich nicht in totalen Stress ausarten.“
Dann knackte es in der Rufwurzel, denn der Chef hatte aufgelegt.
Rofibald sprang aus dem Bett und weckte seine beiden Freunde. Die krochen schlaftrunken unter ihren mollig warmen Decken hervor. Alle drei zogen sich rasch ihre Mäntelchen über, schlüpften in ihre Stiefelchen und huschten hinaus in die kalte Nacht. Der Mond stand groß und hell am schwarzen Himmel. Staunend sahen die drei mehrere Schlitten am Firmament entlangziehen. Nun rannten sie zum Dorfplatz.
Zeitgleich kamen alle dort an. Utila sprang von einem der Schlitten. Die goldblonden Haare glitzerten im Mondlicht als sie auf Rofibald zuging und ihn umarmte.
„Ihr werdet es schaffen.“, versicherte sie ihm.
„Danke Utila, dass du so spät noch mal los bist. Ich bin so unendlich erleichtert.“
Utila, die noch vor ihm kniete, bekam einen Kuss auf die Stirn gedrückt. Sie lächelte, erhob sich wieder und ließ die Schlitten um den Geschenkeberg im Kreis aufstellen. Lumiukko begann sofort, die Rentiere zu versorgen.
„Ihr müsst wirklich sehr früh raus, bevor die Kinder des Dorfes erwachen und all das hier zu sehen bekommen.“, mahnte Utila. Dann schwang sie ihren Mantel um sich, wobei sie Glitzerstaub aufwirbelte, indem sie sich nun in eine Elfe verwandelte. Das war das Zeichen für die anderen Elfen. Alle schwangen sich gleichzeitig in die Luft und verschwanden in weniger als zwei Sekunden geräuschlos in den nachtschwarzen Himmel.
In aller Herrgottsfrühe standen die drei kleinen Wichtel auf, um alle anderen zu wecken. Sie verkündeten voller Freude, dass es nun noch etwas früher nach Grönland gehen konnte. Tamina, Tytola und Aurelia wurden abgelöst und konnten fortfliegen. Schließlich brauchten sie auch ihren Schlaf.
Viele Dorfbewohner trafen trotz der frühen Stunde fast zeitgleich auf dem Dorfplatz ein und halfen tatkräftig beim Beladen der Schlitten mit. In kurzer Zeit waren alle Geschenkesäcke verladen. Die Helfer berieten noch einmal, wie es nun weitergehen sollte. Neben Lumiukko sollten Rofibald, Pussili und Lente sowie Josef, Heinrich und Emilia, Odio und Martha und einige handwerklich begabte Dorfbewohner nach Grönland mitfliegen. Oma Kräuterle hatte versprochen, sich zuhause um die Kinder zu kümmern. Josefs bunt geschmückter Schlitten sollte den Tross anführen. Alle hatten sich warm angezogen und mit dicken Decken, Wärmflaschen und literweise heißem Tee eingedeckt, denn unterwegs würde es eisigkalt werden. Josef sah aus wie ein Waldschrat, in seinem braunen, dicken Mantel. Groß und imposant thronte er auf dem Führungsschlitten. Heinrich und Emilia kuschelten sich zusammen unter einer Decke auf dem nächsten Schlitten. Auf dem letzten der insgesamt sieben Schlitten, die nun losflogen, saß Lumiukko und bildete damit das Schlusslicht.
Jubelnd und erleichtert winkten ihnen die Dorfbewohner hinterher. Hoch und höher flogen die Schlitten, die von den frisch gestärkten Rentieren gezogen wurden. Der Wald zeigte sich in seiner wunderbaren Schneepracht unter ihnen. Plötzlich flackerte mittendrin etwas auf. Querbur, der schnell aus seiner Baumwurzel gehuscht war, als er das Rauschen über sich gehört hatte, gab ihnen ein Leuchtsignal.
„Kommt heil zurück!“ brüllte er hinauf. Nun stoben einige golden glitzernde Sternenschweife hinauf, die um die Schlitten sausten und ihnen einen extra Antrieb gaben.
Hoch oben in eisiger Luft, die kleine Welt unter ihnen, flogen sie über Land und über das Meer dahin. Es war ein berauschender Flug. Zum Glück war die Luft klar und rein und es wehte fast kein Wind. Die Wärmflaschen erkalteten langsam und die Thermokannen mit dem heißen Tee leerten sich allmählich. Und dann, nach geraumer Zeit, erblickten sie die schneebedeckte Insel. Von oben waren bald bunte Farbkleckse in der weiten Eiswüste zu sehen, die sich beim Näherkommen als bunte Holzhäuser und Schuppen herausstellten, deren Fenster mit Kerzen und orange leuchtenden Weihnachtssternen geschmückt waren. Das Dorf machte trotz der Dunkelheit einen heimeligen Eindruck.
Auch bei den Grönländern herrschte reges Treiben, obwohl es noch fast Nacht war. Trotz der verlorenen Geschenke wollten sie nicht auf das Weihnachtsfest verzichten. Die Dorfkinder schliefen noch und bekamen von alldem nichts mit. Plötzlich war ein Rauschen zu hören, das von oben kam. Als die fleißigen Einwohner nun zum Himmel aufblickten, waren sie sehr erstaunt. Sogleich kam alles zum Erliegen. Freudig winkten alle. Die Schlittenflotte flog lautlos eine große Schleife um das Dorf, um dann auf dem Dorfplatz zu landen.
Lumiukko war der Erste, der vom Schlitten sprang, als alle zum Stehen gekommen waren. Die Dorfbewohner rannten ihm freudig entgegen. Allen voran lief eine Frau, deren langes, braunes Haar im Wind wehte, da ihre Mütze davongeflogen war. Vor Freude weinend warf sie sich dem kalten Schneemann, der sich herabgebeugt hatte, in die Arme. Ihre tränennassen, blauen Augen sahen zu ihm auf.
„Da bist du ja wieder, mein herzallerliebster Bruder. Ich habe mir solche Sorgen gemacht. Ich dachte, dir sei etwas zugestoßen.“
Lumiukko streichelte sanft über den Kopf seiner Schwester Naya, sodass einige Schneekristalle in ihrem Haar hängenblieben.
„Nein, meine liebe, kleine Schwester. Ich habe Hilfe geholt.“
Nun erzählte er ihr und den Dorfbewohnern die ganze Geschichte. Josef saß wie gebannt auf seinem Schlitten und konnte den Blick nicht von der wunderschönen Frau abwenden.
„Hey!“, wurde er plötzlich unsanft aus seinem kurzen Tagtraum gerissen. „Wir müssen abladen, Josef!“.
Heinrich wedelte ihm mit der Hand vor den Augen herum. Dann schaute er in die gleiche Richtung und ahnte etwas. „Gefällt dir Lumis Schwester? Du guckst etwas verträumt.“, lachte Heinrich. Emilia, die hinzugekommen war, schmunzelte wissend und sagte:
„Lass uns erst mal anpacken, damit wir keine Zeit verlieren.“ Heinrich zwinkerte seiner Frau lächelnd zu.
Mit vereinten Kräften wurden alle Geschenke abgeladen. Die stärksten Männer holten ihre Pferde und wuchteten den Baum herunter, um ihn mitten auf dem Platz aufzustellen. Josef hatte sich geschickt an Nayas Seite begeben und arbeitete mit ihr Hand in Hand. Dabei sah sie ihn hin und wieder verstohlen von der Seite an und beide lächelten, wenn sich ihre Blicke begegneten. Alles arbeitete und werkelte. Immer wieder raunten sich die Leute Kommandos zu, um zu verhindern, dass Kinder geweckt wurden.
Nach zwei Stunden war der größte Teil der Arbeit getan. Nun konnten alle mal eine kurze Pause machen und sich im großen Gemeinschaftshaus bei heißem Tee aufwärmen.
Durch das größte Fenster des Gemeinschaftshauses beobachtete Lumiukko seine alten und neuen Freunde, die sich fröhlich miteinander unterhielten. Etwas schwermütig, weil er als Schneemann nicht bei ihnen im Warmen sitzen konnte, dreht er sich um und lief davon. Sein Weg führte ihn vorbei an den weihnachtlich beleuchteten, kleinen
Holzhäusern und an der Bäckerei, in der er sich früher auf dem Weg zu Schule oft seinen Lieblingskuchen gekauft hatte. Angekommen auf dem Dorfplatz ließ er die Atmosphäre auf sich wirken. Alles sah nun perfekt aus. Er konnte immer noch nicht fassen, dass Weihnachten Dank all der lieben Helfer gerettet war. Plötzlich hörte er die Stimme seiner Schwester, die auf ihn zulief.
„Bruderherz, ich wollte mit dir reden, aber du warst nicht mehr auf deinem Platz.“ Sie begann unvermittelt an ihren Haaren herumzuspielen. Das machte sie immer, wenn sie verlegen war. Mit leichter Röte im Gesicht fragte sie: „Kennst Du diesen Josef näher? Ich habe mit ihm zusammen gearbeitet und finde ihn sehr nett. Wo kommt er denn her? Aus dem Dorf, aus dem du Hilfe geholt hast? Hat er eine Frau? Und Kinder? Was ma…“.
„Langsam, langsam, Schwester.“, unterbrach Lumiukko sie. „Nicht so viele Fragen auf einmal. Josef…“. Doch bevor er weitersprechen konnte, waren auch schon die anderen, die er noch im Gemeinschaftshaus vermutet hatte, zum Dorfplatz zurückgekommen. Sie waren gerade in ihre Diskussion, welche letzten Handgriffe noch zu tun seien, vertieft.
Plötzlich war ein Brausen zu hören und am Firmament tauchte ein weiterer Schlitten auf, der einen schimmernden Sternenschweif hinter sich herzog. Alle hielten kurz inne und staunten, als der Schlitten näher kam und sie erkennen konnten, dass niemand anderes als der Weihnachtsmann höchstpersönlich zur Landung auf dem Dorfplatz ansetzte.
„Hallo Chef“, rief Rofibald ihm leise zu, als der Schlitten zum Stillstand gekommen war.
„Chef?“, entfuhr es Heinrich und Josef fast gleichzeitig. Auch ein paar andere Bewohner aus dem Dorf schauten fragend zu Rofibald und dem Weihnachtsmann. Der lächelte und sagte: „Ja liebe Freunde, der Chef ist der Weihnachtsmann höchstpersönlich. Ihr müsst verstehen, dass das bisher nur einige ganz enge Vertraute wussten, zu denen ihr nun auch gehört, denn ihr alle habt gezeigt, wie wichtig es euch ist, allen ein frohes Weihnachtsfest zu bereiten.“
„Ich danke euch, dass ihr euch so für unsere Freunde hier in Grönland eingesetzt und ihnen dieses großartige Weihnachtsfest möglich gemacht habt.“, fuhr er fort. „Ihr habt wunderbar geschmückt und die Geschenke für die Kinder stehen auch alle bereit. Eigentlich ist damit hier alles erledigt und wir können zurück in euer Dorf fliegen.
„Doch bevor wir losfliegen, habe ich noch ein Geschenk für dich.“, sagte er zu Lumiukko gewandt.
Der riesige Schneemann schaute ihn verwundert an und die ganze Gemeinde und auch seine Freunde aus dem Dorf bildeten einen Kreis um die beiden.
„Wie ihr alle wisst, hätte es in diesem Jahr beinahe kein so schönes Weihnachtsfest gegeben.“, sagte der Weihnachtsmann. „Alles, was ihr schon dafür vorbereitet hattet, ist im Meer versunken. Lumiukko hat sich heimlich auf den beschwerlichen Weg zu seinen Freunden gemacht und dort um Hilfe gebeten. Er hat uns allen gezeigt, dass er die Taten aus seiner Vergangenheit bereut hat.“
Der Weihnachtsmann griff in seine Manteltasche, holte sein Geschenk für Lumiukko heraus und überreichte es ihm. Mit seinen dicken Schneefingern nestelte Lumiukko am Geschenkband, das um ein kleines Kästchen gewickelt war. Als er den Deckel anhob, blitzten zahllose goldene Sterne, die den Schneemann wie einen Mantel
umhüllten.
Ein leises Zischen war zu hören, und der Schneemann war in Windeseile geschmolzen. Auf dem Boden war nun eine große Pfütze. Eine Möhre schwamm in der Wasserlache und da stand Lars. Der Fluch war von ihm genommen worden.
Grinsebacke nutzte die Sekunden der Verblüffung, schnappte sich die Möhre und ließ sie sich schmecken.
Noch bevor irgendjemand ein Wort sagen konnte, stürmte Naya auf ihren Bruder zu und fiel ihm um den Hals. Freudentränen liefen über ihr Gesicht. Als Lars endlich verstand, was eben mit ihm passiert war, hob er seine Schwester hoch und wirbelte sie strahlend vor Freude im Kreis herum. Jetzt erst schien die Starre von allen anderen abzufallen und ein leises, freudiges Stimmengewirr hüllte den Dorfplatz ein. Nicht nur die Anspannung, ob Weihnachten in Grönland denn stattfinden würde, löste sich auf, auch die Freude darüber, dass Lars nicht mehr als der Schneemann Lumiukko leben musste, stand allen ins Gesicht geschrieben. Sie drängten sich jetzt um ihn, klopften ihm auf die Schulter oder umarmten ihn.
„Du hast uns ja ganz schön an der Nase herumgeführt“, sagte Heinrich schmunzelnd zu Rofibald, der breit grinsend am Rand des Platzes stand und die Leute beobachtete.
„Weißt du noch, wie wir uns kennengelernt haben?“ entgegnete der. „Damals habe ich dem Chef gesagt, er soll dir eine Chance geben. Aber wie sehr wir dir vertrauen können, das wussten wir damals nicht. So war es auch bei Josef und vielen anderen. Als mich der Chef gestern Nacht noch einmal anrief und mir sagte, dass wir so früh schon losfliegen können, hat er mir erzählt, dass er vorbeikommen und euch in das Geheimnis einweihen würde. Dieses Vertrauen in euch ist das größte Geschenk, das er euch machen kann und das habt ihr euch durch eure großen Herzen verdient.“
Erst jetzt bemerkten Rofibald und Heinrich, dass alle verstummt waren und Rofibalds Worten gebannt gelauscht hatten.
„Besser hätte ich es nicht sagen können.“, meinte der Weihnachtsmann. „Ihr habt allen gezeigt, dass ihr den Weihnachtsgedanken verstanden habt.“
Noch bevor jemand etwas sagen konnte, meinte er: „Jetzt aber schnell! Wir müssen los, damit wir rechtzeitig zur Bescherung zurück im Dorf sind! Also beeilt euch!“ An die Grönländer gewandt rief er leise „Frohe Weihnachten!“, stieg auf seinen Schlitten und machte sich auf den Weg.
Er flog noch eine große Runde um das Dorf herum und als er die beendet hatte und sich geradeaus auf den Weg zum Dorf machte, schlossen sich die anderen sieben Schlitten einer nach dem anderen an und mit Funkeln und Glitzern machte sich der Tross auf den Rückweg. Alles ging so schnell, dass Josef Naya nur noch ein schnelles „Bis bald!“ zurufen konnte, bevor er außer Sichtweite war.
Der Rückflug war problemlos und verging in Windeseile. Die Rentiere, allen voran Grinsebacke, kannten ihren Weg fast von allein. Die Gedanken der Freunde waren noch immer bei den Menschen in Grönland, denen sie geholfen hatten. Bei der Bescherung würde es nun auch dort viel Freude und strahlende Kinderaugen geben.
Schon aus der Ferne sahen sie schließlich, dank der vielen geschmückten Häuser und des riesigen, leuchtenden Tannenbaums, ihr Dorf glitzern und blinken. Es war ein herrliches Gefühl, Weihnachten daheim und mit ihren Familien und Freunden verbringen zu können. Ihre erfolgreiche Hilfsaktion war für das gesamte Dorf ein extra Grund zum Feiern und Glücklichsein.
Ihre Schlitten landeten sanft am Rande des Dorfes und wurden gleich hinter Heinrichs Schuppen gefahren. In Kürze würden die Elfen auftauchen und sich darum kümmern, denn Rofibald hatte sie mit seiner Rufwurzel über die Landung informiert. Schnell eilten alle heim. Schon bald würden sie sich auf dem Dorfplatz wiedersehen.
* * *
Als der Weihnachtsgottesdienst beendet war, läuteten die Glocken. Groß und Klein strömten aus der Kirche und sammelten sich an der Weihnachtstanne auf dem Dorfplatz. Den Kindern waren Vorfreude und Aufregung anzumerken.
Ein sachtes Rauschen, begleitet von bimmelnden Glöckchen, kam aus der Ferne näher. Ein prächtiger Schlitten, von acht stolzen Rentieren gezogen, glitt vom Himmel herab neben der Tanne in den Schnee. Die Dorfbewohner hatten eine Schneise gebildet und standen nun zu beiden Seiten des prall beladenen Gefährts, auf dem der Weihnachtsmann thronte. Er trug seinen wunderschönen, roten Mantel. Sein gütiges Gesicht zierten eine ebenso rote Mütze und ein imposanter schneeweißer Bart. Er stieg von seinem Schlitten, zog den ersten Geschenkesack herunter, öffnete ihn und begann die Dorfkinder zu sich zu rufen. Die Dorfbewohner hatten in der Zwischenzeit wieder einen Kreis gebildet. Nach und nach waren alle an der Reihe, ein Gedicht aufzusagen oder ein Lied zu singen und nach meist nur lobenden Worten vom Weihnachtsmann ihr Geschenk entgegenzunehmen. Nach den Kindern wurden auch die Erwachsenen beschenkt. Jeder kam an die Reihe und nach und nach leerte sich der Schlitten. Als das Verteilen der Geschenke beendet war, wünschte der Weihnachtsmann allen ein gesegnetes Fest.
„Ich soll euch Grüße aus Grönland überbringen.“, sagte er mit sonorer Stimme. „Von dort komme ich gerade, und ich habe überglückliche Menschen erlebt.“ Er zwinkerte in Richtung der Freunde, die noch vor wenigen Stunden selbst auf Schlitten sitzend von Grönland zurückgekommen waren und nun in einem Grüppchen beisammenstanden. Alle waren stolz und glücklich. Ehe der Weihnachtsmann nun wieder auf seinem Schlitten Platz nahm, raunte er Josef besonders liebe Grüße von einer ganz bestimmten jungen Frau mit langen braunen Haaren zu, was diesen zum Strahlen brachte.
Kurz darauf setzte sich der Schlitten wieder in Bewegung. Ein letztes Mal winkte der Weihnachtsmann zum Dorfplatz zurück, und begleitet von Gebimmel und einem tiefen „Ho-ho-ho!“ entschwand der Schlitten im nachtschwarzen Himmel.
Es wurde für alle ein herrlicher Weihnachtsabend bei gemeinsamem Gesang, leckerem Essen und dem anschließendem Auspacken der Geschenke. Die Kinder hatten strahlende Augen und tanzten um den Weihnachtsbaum.
Nochmals klangen die Kirchenglocken zur Christmette. Als Emilia dort das kleine Jesuskind in einer Krippe in seiner Wiege liegen sah, dachte sie an das Kind, dass sie unter ihrem Herzen trug. Sie fasste nach Heinrichs Hand, er folgte ihrem Blick und sie lächelten sich an. Am nächsten Tag beim gemeinsamen Festessen mit ihren Familien und ihren besten Freunden wollten sie verkünden, dass im nächsten Jahr ein neuer Erdenbürger unter ihnen weilen würde. Was für aufregende und doch schöne Tage lagen nun hinter ihnen. Froh, dass sich alles zum Guten gewendet hatte, weilten ihre Gedanken auch bei Lars.
Müde und glücklich fielen am späten Abend alle in ihre Betten und träumten in der Heiligen Nacht.
Nach dem Weihnachtsfest war vor dem Weihnachtsfest…
– ENDE –
